Wie Wien zur Weltstadt demoliert wurde – und eine Analyse der Hintergründe

Von Alfred Prokesch

Noch steht sie da, breithüftig und ein wenig behäbig in ihrem ländlichem Barock, auf dem buckligen Pflaster der Wiedner Hauptstraße im fünften Wiener Gemeindebezirk. Aber die Gerister sind schon am Werk. Der Meißel klingt, die Spitzhacke knirscht, die alte Rauchfangkehrerkirche, die eigentlich „Kirche zum Heiligen Florian“ heißt, wird abgelassen.

Ein mehr als zehnjähriger Kampf um die Erhaltung dieses Wiener Wahrzeichens, der lange Zeit im Verborgenen wogte und erst in den letzten Wochen noch einmal, ein letztes Mal, zu nicht allzu hellen Flammen aufloderte, ist damit zu Ende. Das Recht hat gesiegt, die Buchstaben eines Vertrages sind erfüllt. Auf der Strecke bleibt ein Stück Wien, um das es einem leid tun kann.

Auf dem Papier sieht freilich alles ganz harmlos aus. Hier eine Gemeindeverwaltung, die Straßenraum braucht, da eine Erzdiözese, die ihren Schäflein das Gotteshaus nicht nehmen lassen will. Also setzt man sich zusammen und schließt einen Vertrag: Die Gemeinde spendet ein Ersatzgrundstück, die Diözese baut darauf eine Ersatzkirche, alle sind zufrieden, und sollte doch noch etwas fehlen, baut man eben, fesch wie man ist, ebenan auch noch ein Ersatzwahrzeichen hin. Punktum, Streusand drauf.

Und genauso geschah es. Die Gemeinde spendete, die Erzdiözese baute, die Jahre vergingen, und jetzt, da die Ersatzkirche steht, muß St. Florian weg, denn er stört den Verkehr. Schließlich: Wer wird schon so verbohrt sein, die Zukunf: aufhalten zu wollen?

Aber dem ist nicht so. In Wien gibt es nämlich nicht die Spur eines Verkehrskonzepts, das diesen Abbruch, das irgendeinen Abbruch rechtfertigen würde. Die Stadtverwaltung ist seit dem Ersten Weltkrieg mehr oder weniger gezwungenermaßen so stark mit dem Wohnungsbau engagiert, daß sie schließlich das vernachlässigen mußte, was eine Ansammlung von Wohnungen erst zur Stadt macht und was die Angelsachsen so treffend mit dem unübersetzbaren Wort „facilities“ bezeichnen – nämlich alle Versorgungs- und Verkehrseinrichtungen. Alle diese „facilities“ sind in Wien daher unterentwickelt. Und jetzt, fünf Minuten vor Zwölf, sieht die Gemeindeverwaltung, von der politischen Opposition in die Enge gedrängt, ihren Fluchtweg in der fixen Idee einer Unterpflasterstraßenbahn – jener „Ustraba“, die von allen Millionenstädten in Europa und Übersee als vorgestrig abgelehnt wird und die sich auf der Münchner Verkehrsausstellung auch schon eine handfeste Blamage geholt hat.

Techniker können irren. Politiker nie. Deshalb wird die Ustraba in Wien trotzdem gebaut. Und hier fängt unsere Geschichte eigentlich erst an, interessant zu werden.

Jede moderne industrielle Großstadt zeichnet sich durch Konzentration der Dienstleistungsbetriebe (des sogenannten „tertiären Sektors“ der Wirtschaft) im Stadtzentrum aus. Auch in Wien ist es nicht anders. Auch in Wien aber wohnen die Arbeitskräfte dieses tertiären Sektors – und sie machen bereits über 50 Prozent aller Beschäftigten aus – in den Randgebieten der Stadt, und gerade sie sind es, die ihre typischen „Zimmer-Kuchl“-Wohnungen als nicht mehr annehmbar empfinden.

Die Stadtverwaltung, zum Umbau der Wohn-Facilities genötigt, wirft sich daher auf den Bau von Stadtrand-Quartieren für 10 000, 20 000 und mehr Einwohner – sie baut genau das, was unter der Bezeichnung „Schlafstädte“ berüchtigt ist, weil es den schleichenden Suburb-Koller erzeugt und den Individualverkehr stark vermehrt, denn alle Schlafstadt-Bewohner wollen der lockeren Verbauung wegen mit dem Auto fahren, womit sie die City, ihren Arbeitsort, noch mehr verstopfen.

Das also ist die städtebauliche Situation in Wien, und nur vor diesem Hintergrund ist der Fall der Rauchfangkehrerkirche zu verstehen. Man hat nämlich einen Ustraba-Ast, der von einer Schlafstadt im Süden kommt und zur Dienstleistungsstadt in der City führt, der Eile wegen so geschickt projektiert, daß die Rampe zur Straßenoberfläche gerade unter die Rauchfangkehrerkirche zu liegen kommt. Deshalb geht es St. Florian nun an die Fundamente.

Dabei könnte die alte Kirche durchaus stehenbleiben, wenn man gleich eine richtige U-Bahn, eingebettet in ein großes Systemnetz, geplant hätte – wobei es noch fraglich ist, ob eine einzige U-Bahnlinie ein aufgelockertes Stadtrandquartier von 30 000 Einwohnern überhaupt ausreichend bedienen kann. Voraussetzung für das Funktionieren einer solchen Schlafstadt wären nämlich mehrere rasche, geschmeidige Verkehrsverbindungen mit dem Zentrum, die keineswegs allein auf der Schiene aufgebaut sein müßten. Wien hat aber weder Stadtautobahn- noch U-Bahnplanung, was den seinerzeitigen Stadtplaner zu den historischen Worten im offenen Gemeinderat hinriß: „Ich werde doch nicht eine U-Bahn projektieren, wenn es die Mehrheit des Hauses nicht will.“ Wobei dieses U-Bahn-Tabu, wie gesagt, nur darauf zurückgeht, daß die Rathaus-Opposition die U-Bahn seit eh und jeh als Steckenpferd betrachtet hat und ein waschechter Politiker doch nicht machen darf, was der Gegner verlangt. So kommt es, daß im Wiener Rathaus nun akute Ustraba-Planungstechnik herrscht und die Rauchfangkehrerkirche unter die Räder kam.

Ist es schade um sie? Ja, ja und dreimal ja. Die Wiedner Hauptstraße, aus drei typischen, je um eine Kirche gescharten Angerdörfern zusammengewachsen und fast vollständig von den Bomben verschont, bot mit ihrer ländlichen Herkunft, ihren Barock-, Biedermeier und Gründerzeithäusern zwar nicht, wie die Ringstraße, ein brillantes, aber hohles Fassadenfeuerwerk, dafür aber (und deshalb war sie für die Beckmesser auch kein Kunstwerk) einen architektonischen Raum von charmanter Eigenart, wie ihn eben nicht Reißbrettschweiß, sondern nur das Leben der Jahrhunderte schaffen kann. Mit selbstverständlicher Treffsicherheit hat dort der biedere Barock-Maurermeister Mathias Gerl seine liebenswürdige Kirche als Abschluß mitten auf die breite Straße gesetzt, unweit vom Linienwall, den Prinz Eugen gegen die Kuruzzen hatte errichten lassen.

Was müssen das für Zeiten gewesen sein, da fast namenlose Maurermeister solche bescheidenen Kirchen treffsicher an den richtigen Ort zu stellen wußten, und was muß das heute für eins Zeit sein, da berühmte Professoren neurasthenische Kisten ungestraft als Ersatzkirchen hinstellen dürfen, als habe sie ein Transportunternehmer aus Brobdingnag abzuholen vergessen! Begreiflich, daß die Schäflein jener alten Kirche revoltierten, als dieses Gotteshaus, von dem sie im Vorbeigehen noch einen Hauch warmer Frömmigkeit schöpfen konnten, demoliert werden sollte. Kerzen, Lichter, Blumen, Unterschriftenlisten und Scheinwerfer wurden bemüht, um die Vollstreckung des Todesurteils aufzuhalten. Vergeblich.

Feldwebelrezept: Entkernen

Es spielt hier aber noch ein Zweites mit. In der modernen industriellen Großstadt liegt zwischen dem tertiären Zentrum der Dienstleistungsbetriebe und der großen Industrie am Stadtrand ein Gürtel von Mittel-, Klein- und Kleinstbetrieben, deren Funktion noch immer nicht voll geklärt ist. Das vulgärökonomische Schema jedenfalls, das behauptet, die Großindustrie fresse alle Klein- und Mittelbetriebe mit Heißhunger auf, ist primitiv und falsch. Viel eher scheint das Gegenteil zu stimmen: Das Vorhandensein von Großindustrie erfordert auch Mittel- und Kleinindustrie, und zwar in einem ganz bestimmten Ausmaß und Verhältnis.

Die herkömmliche Städtebauschule aber, die von Wilhelm Riehl, einem Zeitgenossen Bismarcks, und Ebenezer Howard, einem Zeitgenossen Joseph Chamberlains, abstammt, weiß mit diesen Klein- und Mittelbetrieben nichts anzufangen. Es stört sie nicht, daß diese Betriebe sowohl mit der Großindustrie als auch mit dem tertiären Sektor sichtlich in engster Symbiose leben. Ihre Feldwebelrezepte lauten: „Entkernen“, „Auflockern“ und „Dekonzentrieren“, mit anderen Worten: Kommandierung an den Stadtrand, wo diese Betriebe aber einfach nicht leben können. Auch die Wiedner Hauptstraße, im Gürtel zwischen Industriegebiet und tertiärer Zone, ist solch eine typische Straße der meist noch altmodisch untergebrachten Klein- und Mittelbetriebe. Auch sie soll entkernt, aufgelockert und dekonzentriert werden. Man räumt ihr keine Daseinsberechtigung mehr ein.

Der Anfang wurde schon durch die Demolierung des Erzherzog-Rainer-Palais und seine Ablösung durch ein Hochhaus im Grünen gemacht. Dabei riß man unnötigerweise die Straßenwand, die gerade hier so wichtig zur Erhaltung eines architektonischen Raumes gewesen wäre, brutal auf und ersetzte sie durch tiefe Einblicke in Parkgaragenblößen, in sehr modernem Look zwar, aber nur mühsam durch schmale Beton-Bikinis gedeckt.

Die öffentliche Meinung hat hier wie dort nur schwach reagiert. Worte, wie etwa: die Kirche ist kein Kunstwerk, die Fassaden der Häuser sind unbedeutend, waren gar nicht nötig, sie zu lähmen. Man bedenke: 15 000 Unterschriften nur gegen den Mord an der Rauchfangkehrerkirche – in einer 1,7 Millionenstadt!

Märchenstadt mit Slum

Wien, die Stadt der Musik, hat zwar noch ein gutes Gehör für die tönenden Melodien, aber kein Auge mehr für Harmonie und Raumakkorde „steinerner Musik“. Sonst hätte ein Aufschrei die ganze Stadt erfassen müssen, als der erste Eckstein dieses Raumes herausgebrochen wurde. Daß auch die Stadtverwaltung selbst kein Verständnis dafür aufbrachte, welch kultureller Wert da auf dem Spiele stand, ist nicht unbegreiflich, wenn man bedenkt, daß viele der heute führenden Politiker in den Rasterstraßen der Außenbezirke aufgewachsen sind, und wenn man sich Albert Schweitzers Satz ins Gedächtnis ruft: „Erst bauen die Menschen Häuser, dann die Häuser Menschen.“ Dieser Prozeß, ein Teil der „vertikalen Völkerwanderung“ Rathenaus, wird nicht aufzuhalten sein. Wien wird dabei allerdings einen großen Teil seines Charmes und seiner Eigenart verlieren – durch den Einbruch der Vorstadt in die alten kulturellen Stadträume, in das Herz Wiens.

Es wäre zwar sicher denkbar, daß die Partei des sozialen Wohnbaues, die die Arbeiter der Proletariervorstädte zu Großstadtbewußtsein integriert hat, sich doch noch darauf besinnt, die notwendige Metamorphose zur Stadt der Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft mit Geschmack und Kultur durchzuführen. Daß sie sich darauf besinnt, daß das provinzielle Ziel des Gewinnes eines Bezirksvorsteherpostens mitunter weniger wichtig sein kann als die Erhaltung einer charakteristischen Straße, die nichts anderes ist als ein geronnener Teil unserer Geschichte.

Wie das Beispiel der Rauchfangkehrerkirche aber zeigt, erweist sich das Gespenst der dekonzentrierten und aufgelockerten Stadt, von Wirtschaftsunkundigen komponiert, in seinen wirtschaftsfremden Grundlagen als zusätzlicher Hemmschuh vernünftigen Denkens, als Blockade jeder gesunden Stadtentwicklung, wie das schon in der Gründerzeit der Fall war. Der Städtebau der Gründerzeit brachte Wien zwar mit dem Ring den letzten Glanz einer Märchenstadt, aber auch einen Wirtschaftsslum im Osten der City. Heute freilich liefert der Städtebau keinerlei Märchenglanz mehr, sondern nur noch nackten Barbarismus.

Die Rauchfangkehrerkirche fällt in Trümmer. Auf ihrem Grabhügel, auf Schutt und Ziegelstaub müßte man statt des Grabsteins ein Schild anbringen: Urheber bekannt. Vor Nachahmung wird im Namen der Menschlichkeit gewarnt.