Von Jürgen Zimmer

Ein kleines Dorf im westlichen Allgäu. Zur Peripherie hin liegen Kuhfladen auf den Straßen, noch weiter draußen wird Torf gestochen; die Wege brechen ab, verlieren sich in Pfützen, Geröll und Wäldern. Mitten durch den Ort fließt ein Bach, eine Bundesstraße, flankiert von ein paar Kolonialwarenläden, überquert ihn. Auch Mopeds kann man kaufen, Janker und Hufnägel. Nichts Auffälliges bietet sich hier. Allenfalls: in der Nähe soll Enzensberger geboren sein, weiter südlich wohnt Martin Walser. Wer, wie ich, vom Bodensee kommt, muß viermal umsteigen.

Fährt man dann ab, haben die Signale gewechselt. Hinter den Fassaden liegt eine Welt, mit der wir nichts zu schaffen hatten; plötzlich tauchen Hexen auf, Dämonen hocken in den Tennen der Höfe, überall wähnen sich Bauern von magnetischen Kräften besessen. Die Gottesmutter erscheint hier und da, der Teufel befällt unverheiratete Mädchen: Eine Welt voller Magie hält hier das zwanzigste Jahrhundert in Schach.

Der Keller, der mir als Einstieg dient, ist ausgebaut. Ein Wartezimmer mit Heizofen und dem Allgäuer Heimatkalender: "Ruhm und Glück vermögen das ruhelose Herz nicht zu beruhigen. Sicherheit und Glück hängen nicht davon ab, ob man im teuren Restaurant oder in der bescheidenen Berghütte ißt", schreibt dort ein Kalendermann und trägt sein Scherflein dazu bei, die Emanzipation der Leser aus ihrer eigenen Provinz zu verhindern.

Ich warte auf den Heilpraktiker Alfons. Er ist ein Spezi von mir und ein lustiger Mann. Ganz früher schnitzte er Holzkasperle, danach verkaufte er Bouillonwürfel. Er wurde vom Blitz getroffen, bekam einen steifen Hals, entdeckte an sich die Fähigkeit zum Heilen und ließ sich ausbilden. Jetzt wählt er DFU, lacht über die Bigotten; und die Schwelle, von der an er magisch denkt, liegt ungemein höher als die seiner Klienten. In jener Zwischenspanne durchschaut er die Leute. Er wird mir helfen, denn ein Einblick in die prälogischen Zirkel der Allgäuer kann nur mit List gelingen. So steckt er mich in einen weißen Kittel; von nun an bin ich der Kollege vom Bodensee, der gerade ’mal zuguckt.

Die erste Patientin lallt – völlig verkropft – einen Dialekt, dem ich nur durch "hm, hm" zu entkommen vermag. Sie ist alt und sehr dick, verlottert und, wie wir später erfahren, durch den Verkauf ihres Hofes klotzreich. Sie scheint es am Ohr zu haben. Alfons sticht ihr eine Silbernadel hinter die Muschel, er akapunktiert, die Bäuerin hockt leise lächelnd und gläubig, bis die Haut sich entspannt und die Nadel in den Halsausschnitt fällt. Ich gehe hinaus, während sie danach kramt.

Draußen wartet ein Vertreter für Naturheilmittel, der berichtet, von welcher Vielzahl die Methoden seiner Kunden sind. Sicherlich halten sich viele an klinische Diagnostik und Therapie, einige aber finden daran nichts, sie pendeln lieber, nehmen die Wünschelrute, legen die Hand auf, heben die Arme und beschwören. Die Technik – einmal nicht mehr klinisch – wird beliebig, dient aber stets dem gleichen Ziel: Mit jeder Zeremonie läßt sich Suggestion und Autosuggestion zugleich betreiben. Der Heilpraktiker wird zum archetypischen Medizinmann, der in sich ein Allmachtgefühl aufbaut und Sicherheit findet.