C. D., Neu-Delhi, im Oktober

Herrscht Krieg oder Frieden an der indischpakistanischenGrenze? Der Antwort auf diese Frage weicht in Indiens Hauptstadt jeder aus, der wünscht, daß man auf sein Urteil auch weiterhin etwas gibt. Er könnte antworten: Frieden. Und er wäre davon überzeugt, daß er recht hat. Vielleicht würde er, noch ehe er Gelegenheit fände, seine Prognose zu erklären – vom Lärm eines in Richtung Pakistan startenden Bombers unterbrochen und müßte sich verlegen den von der Decke rieselnden Kalk aus den Haaren wischen.

Zwischen den beiden feindlichen Armeen sind oft nur einige Meter Niemandsland. Und solange die Welt auf eine politische Lösung des UN-Sicherheitsrates wartet, solange kann man von keiner Seite erwarten, daß sie ihre Interessen durch Nachgiebigkeit gefährdet. Wer noch Illusionen von vorgestern nachhängt, mag glauben, daß der Krieg die Inder in einen moralischen Konflikt gestürzt habe. Tatsächlich bestand – nachdem Premierminister Shastri dem bedingungslosen Waffenstillstand zugestimmt hatte – bei manchen für kurze Zeit die Hoffnung, daß der Kaschmir-Krieg im Geiste Mahatma Gandhis beendet werden könnte. Mittlerweile aber ist es allen deutlich geworden, daß Shastri keine „Gandhische Lösung“ anstrebte. Tatsächlich war sein „Ja“ ein geschickter diplomatischer Schachzug, mit dem er Pakistan ins Unrecht setzte, ohne die indische Position zu gefährden oder auch nur zu modifizieren.

Anzeichen der Mutlosigkeit auf indischer Seite sind seitdem der frohen Gewißheit des totalen Sieges gewichen. So feierten die Inder Mahatmas Geburtstag ohne schlechtes Gewissen. Sie ehrten den großen Mann schweigend. Mit Schweigen konnten sie so auch an diesem Tag die aktuellen Ereignisse übergehen.

Am nächsten Tag ging es dafür um so turbulenter zu. Shastri feierte mit 70 000 der ihm treu ergebenen Sikhs das Erntedankfest. Es war wohl die Umgebung, die den nüchternen Premier zu martialischen Tönen verführte: die finsterblickenden, schwarzbärtigen Hühnen feierten ihn enthusiastisch. Er mußte sich anhören, wie selbst der gemäßigte Hukam Singh, ein weißbärtiger Sikh und Sprecher des Indischen Parlaments, gegen die „Passivität“ wetterte, die zeitweise das Land ergriffen habe. Singh erinnerte an die Tage, da die Sikh-Väter ihren Söhnen so kriegerische Namen gaben wie Londontor – „Zerstöre London“, und er beklagte, daß Delhis Stadtväter eine der Hauptstraßen der Stadt „Pfad des Friedens“ nannten. Umgeben von den Sikh-Veteranen war es für Shastri vielleicht nur allzu selbstverständlich, daß er erklärte: Frieden gebe es nur zu Bedingungen, die Indien diktieren würde.

Man weiß, daß in Pakistan die gleiche Atmosphäre herrscht, daß dort das Gleiche gesagt wird. Und es wird deutlich, daß es die Großmächte nicht leicht haben werden, die beiden Nationen aus dem Clinch zu trennen.

Vielleicht glauben sie, daß sie den Frieden mit mehr oder weniger direkter Gewaltanwendung sichern könnten. Dann freilich wären die Inder in ihrer gegenwärtigen Entschlossenheit bereit zum Widerstand. Fast alle Politiker, deren Wort beim Volk etwas gilt, haben ihren Landsleuten in den vergangenen Tagen erklärt, sie sollten sich auf eine längere Zeit des Leidens und der Opfer vorbereiten. Dennoch – wie könnten die USA ihre Lebensmittelsendungen nach Indien stoppen? Etwa vierzig Prozent des täglichen Bedarfs kommen aus Amerika. Vielleicht wären die Inder jetzt sogar bereit, auf Unterstützung zu verzichten, Lebensmittel zu rationalisieren, Hunger zu riskieren. Die Konsequenzen aber wären kaum abzusehen, sie würden die Amerikaner gewiß vor solchen Maßnahmen zurückschrecken lassen.