ie Romane der Brasilianer Guimaräes Rosa und Jörge Amado waren erfolgreiche Botschafter der modernen Literatur Brasiliens. In ihnen herrscht, ohne schockierende Elemente, der seriöse Optimismus, der Botschaftern ansteht. Anders klingt eine spröde, oft sarkastische Dichtung, die man unter den zweisprachigen Texten einer von H. M. Enzensberger herausgegebenen Suhrkamp Reihe findet — Carlos Drummond de Andrade: "Poesie", ausgewählte Gedichte, portugiesisch und deutsch, Übertragung und Nachwort von Curt MeyerClason; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 136 S , 12 80 Wie Borges, Neruda oder Gabriela Mistral in ihrem, so ist Drummond de Andrade in seinem Land zu einer Institution geworden. Ein auch in Brasilien verbreiteter Brauch, Personennamen, die der Umgangssprache einverleibt werden, auf ihre Anfangsbuchstaben zu reduzieren, hat ihn zu CDA gemacht.

Wer sich mit ihm befaßt hatte, dem war er später überall gegenwartig; wer sich, wie in Rio üblich, viel mit Liebe abgab und gern übertrieb, wurde von CD As spöttischen Versen begleitet: Die von der Liebe Enttäuschten l schießen sich eine Kugel durch die Brust, l Von meinem Zimmer aus höre ich die Knallerei l Die Geliebten krümmen sich vor Lust, l Wieviel Stoff für die Zeitungen, l ( ) Die Ärzte machen sich an die Autopsie l der Enttauschten, die sich umbrachten, l Welch große Herzen sie hatten, l Gewaltige Eingeweide, sentimentale Darme l und einen Magen voller Poesie , Entgegen der genüßlich geschwätzten, optimistischen Sprechweise der Bewohner Rios, der Canocas, ist CDAs Dichtung Ausdruck der Nachdenklichkeit und des Zweifels, die am Rand des vitalen Lärmens und Gemeßens warten. Er sagt grazil die bittere Wahrheit. So nehmei sie ihn hin, als einen mageren, unbestechlichen Mahner, der sie durchschaut, nichts vergessend: veder das tropische Chaos der Verlockungen, noch die übertünchte soziale Not, noch das Pathos, mit dem sie ihre nationalen Probleme zerreden. Diese Rolle wurde ihm zuerkannt: von den Verblendeten, die ihn nicht leiden mögen, von den Einsichtigen, die sich gern durch ihn hären. Er wurde das Gegenstück zum populären Vmicius de Moräes, der einen verbindlicheren Ton findet, der singt und komponiert.

Außerordentlich ist dieses Leben nur in seiner literarischen Manifestation. Geboren "wurde Carlos Drummond de Andrade 1902, im Staat Mmas Geräis, in Brasiliens reichstem Minengebiet. Er setzt seine Härte mit dem Erz seines Geburtsortes in Verbindung. Studium der Pharmakologie. Leitung einer Provinzzeitung. Die kulturelle Erneuerungsbewegung des modcinsmo erfaßte ihn in den zwanziger Jahren. Der Provinz entfremdet, begab er sich in die Hauptstadt Rio de Janeiro. Er gelangte m den Genuß eines Staatspostens (jeder Südamerikaner schätzt diese Freizeit, die vom Staat noch honoriert wird): Archivar im Erziehungsministerium. Es ist, bei schlechtestem Willen, kein pittoreskes, vuales, perverses Moment aufzuspüren, das die Wirkung seiner Poesie anders erklaren ließe als durch ihre dichterischen Vorzüge.

CDAs heftiges antifaschistisches Engagement entwickelte sich zu einer allgemeineren Forderung nach aufrichtiger Dichtung in Lateinamerika. Das trennt ihn von der sozialistischen Periode eines Neruda oder von der in ferne Vergangenheit schweifenden Spekulation neuerer Borges Gedichte. Besonders scharf sieht CDA in einer unklaren und sentimental vernebelten Schriftstellerarbeit eine Dienstleistung für totalitäre Verdumniungsabsichten. Bei so einem Charakter wird die bescheidene Ich Besessenheit des Dichters ein Weg zur Aufrichtigkeit. Lebe mit deinen Gedichten, bevor du sie schreibst. Vor zwei Jahren sagte CDA: Meine Poesie entsteht aus einem Zusammenstoß, aus Unzufriedenheit mit der Welt. Sie enthält auch (und sehr oft) lyonische, keineswegs poetische Dinge. Der wirkliche Dichter ist nicht wie ich, von unordentlicher Bildung. Er ist wie ein Dante, der eine gewaltige Botschaft darstellte. Wir aber schätzen heute Haltungen mehr als Visionen, und auch m Latemamenka beginnt man, anmaßenden Visionaren zu mißtrauen.

Meyer Clasons Übersetzungen scheinen mir öfters zu verbindlich, zu "poetisch". Statt Menschen winden sich schweigsam lesen wir Menschen winden sich und sagen keinen Ton! Zu oft steht mir hier das porösere, aufwendigere Wort. Andererseits wurden große Schwierigkeiten überwunden, die bei dem veränderten brasilianischen Portugiesisch drohten. In den meisten Gedichten herrscht schlichtes Vermitteln vor dubiosem Nachempfinden.

Dieser Asket am Fuß des Zuckerhuts läßt sich auch auf Deutsch hören.