Es begann vor sieben Jahren und begann nicht unbescheiden: Wolf gang von Emsiedel, einer der letzten großen Polyhistoren in unserem Land, traf den Mäzen, der bereit war, auf der Basis des "Dizionario Letterano Bompiam" und des "Dictionnaire des ceuvres" aus dem Verlage Laffont ein neues Literaturlexikon, ein Mammutwerk in deutscher Sprache, zu verlegen. Fünfundsiebzig Prozent Übersetzung und ein Viertel Zutat in usum eruditonum Germcmisein.

Doch als man dann mit der Arbeit begann, erwies sich sehr schnell, daß Bompianis Lexikon nicht ganz so akkurat und brauchbar war, wie es auf den ersten Blick schien. Die verzettelten Literaturen, an die vierzig, boten keinesfalls ein Gesamtpanorama; lebende Autoren waren überhaupt nicht vertreten; bibliographische Hinweise fehlten.

Man mußte also, da noch nicht einmal ein Fünftel der Laffont Bompiani Artikel das Prädikat "im wesentlichen verwendbar" erhielt, mit viel Geduld, einem kühnen Zeitplan und entschlossenem Glauben an die Solvenz Helmut Kindlers ganz von vorne beginnen. Die Jahre vergingen; letzte Termine wurden weit überschritten; die Redaktion vergrößerte sich, die Mitarbeiter Liste schwoll an. Man verpflichtete und schrieb blaue Briefe, entdeckte Genies von Artikelschreibern, Meister der Brachylogie, und sah sich von Scharlatanen geprellt; Umschreiben, Redigieren hieß die Devise der Stunde. Wolfgang von Einsiedeis Wissen kostete den Verleger Millionen: Einhundertdreißig Literaturen wollten erschöpfend traktiert sein.

Nun, man ermattete nicht; ein neuer Chefredakteur, Gert Woerner, verwirklichte den Einsiedelschen Entwurf einer gigantischen unwersitas Kombattantin aus der Gründerzeit, sorgte für die Kontinuität; nach Jahren des Planens, Umwerfens und Neubeginnens, immer weiter, immer differenzierter, ist man nun endlich dabei, die Ernte m die Scheuern zu fahren. Der erste Werkband des magnum opus erscheint, und wir, die das Riesenunternehmen aus der Ferne so lange mit Sorge und Anteilnahme verfolgt haben, wollen nicht zögern, diesen Start — sehr privat und sehr persönlich — als das literarische Ereignis der Messe zu feiern: "Kindlers Literatur Lexikon", Band I: Werke A Co, wissenschaftliche Vorbereitung Wolf gang fön Einsiedel, Chefredakteur Gert WoerSfeHag iSäi ; 2 16 Spalten, tn. 127 50 140 Mi üiWerk liegt" sind aufgerufen, sich zu entscheiden. Sie können — Möglichkeit eins — in ihrer Bibliothek alle Buchtitel suchen, die mit einem A, einem B oder einem C (bis Co) beginnen, können vergleichen und dann mit schriller Empörung ausrufen: Was soll nur ein Titellexikon, in dem Werke wie Erasmus "Adagia" und "Apophtegmata" fehlen, wahrend man eines Manfred Hausmanns "Abel mit der Mundharmonika" erwähnt? Welcher Narr hat Dwingers "Armee hinter Stacheldraht" aufgenommen und Justus Georg Schotteis "Ausfuhrliche Arbeit von der Teutschen Hauptsprache" beiseitegelassen? Wie konnte es geschehen, daß man Ernst Jüngers "Afrikanische Spiele" erwählte und eine im Stil der "Reahen"Artikel (ägyptische, akkadische, australische Literatur) gehaltene Darstellung der artes praediimmerhin die Ausdrucksweise von Jahrhunderten richtete O ja, so kann, so darf man urteilen; ich habe die (beliebig zu variierenden) Beispiele nicht ohne Absicht zitiert: Auch mir wäre die Opferung manchen Kollegenwerks und die Hineinnahme mittelalterlicher Breviarien sympathisch gewesen. Doch auf der anderen Seite sollte man vielleicht — das wäre Möglichkeit zwei — zunächst einmal bekennen, was man gelernt hat, welche neuen Aspekte sich zeigten, wieviele Synopsen den Leser begluckten, welche Art kombinatorische Schlüsse, Durchblicke, Illuminationen und Beziehungsmuster sich plötzlich ergaben. Sprechen wir es ruhig aus: Die Attitüde eitler Dilettanten, die mit einem wahrhaft verächtlichen Ingrimm jede Edition unverzüglich nach Fehlern absuchen, ohne das Geleistete überhaupt zu erwähnen, beginnt langsam unerträglich zu werden. Man liest nicht mehr, laßt sich nicht belehren, gesteht nicht seinen Unverstand ein — man klappert die eigenen Spezialgebiete ab, beckmessert über Jahreszahlen, schreibt "sie 1gilt am Ende noch als allwissender Momus. Schärfste Kritik m Ehren und ein dreifach Hoch auf die Bekämpfung dünkelhafter Scharlatanerie: All zu zahlreich sind die Ausgaben, die, vernünftig befragt, wieder und wieder versagen; selbstverständlich haben wir, Gott seis geklagt, m manchen Disziplinen mehr schlechte als gute Nachschlagewerke; aber ist das em Grund, um an jedes Lexikon sogleich als Siehste Schreier, Atsch Mann und Dem werd ichs aber ZeigenKritiker heranzugehen Was mich betrifft, so will ich gern bekennen, daß mir von den zwanzig Prozent des eisten Bandes, über die ich allenfalls urteilen kann, achtzig Prozent vorzüglich gefielen: Wie angenehm schon die Erweiterung des Begriffs Literatur, wie erfreulich, Artikel über den "18. Brumaire" und die "Anatomy of Melancholy", über Worrmgers "Abstraktion und Einfühlung" und Herders Abhandlung, den Ursprung der Sprache betreffend, zu lesen; wie genußreich, nicht nur den Forsterschen "Ansichten vom Niederrhein", sondern In einem faszinierenden Band hat die Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf, MünchenZürich, "Die Entdeckung der Natur" (380 S, 58 — DM) für Laien wie Sie und uns herausgebracht. Auf das glücklichste verbindet sich dann ein sehr intelligenter Text des Schweizer Schriftstellers Albert Bettex (der auch schon den Text zu dem ähnlich aufgemachten Knaur Band "Welten der Entdecker" geschrieben hat) mit etwa fünfhundert gut ausgewählten, hervorragend reproduzierten Stichen, Lithographien und Miniaturen. Die Entdeckung der Natur fuhrt von der unbelebten Welt der chemischen und physiauch Adornos "Authontanan Personality" und Emile Males "Lart rehgieux du XIII siede en Nimmt man alles m allem, dann überwiegt das "darauf warst du selber nicht gekommen" bei weitem das "welch eine empfindliche Lücke Die Auswahl hat Hand und Fuß, die Artikellange entspricht in den meisten Fallen der Bedeutung des Werks. Krasse Mißverhaltnisse sind selten (Goldoms "Cafehaus" kommt knapper als ein Vegesack Band weg); die Pannen treten, unretouchiert, mit liebenswertem Freimut zutag: Der Bibel Artikel (hier scheint der ursprünglich vorgesehene Bearbeiter abgesprungen zu sein) besteht im Grunde nur aus einem verweisgeballten Sekundärliteratur Vorspann — eine Verzweiflungslosung, die den Mut des Chefredakteurs ehrt, aber die Wißbegier des Lesers bitter enttauscht "Taugenichts" und "Buch der Lieder" sind gleichfalls Redaktionsbehelfe — und dabei so dürftig, daß man meinen konnte, jeder Germanist fortgeschrittenen Semesters hatte am Telephon kenntnisreichere Artikel extemporiert. Nun, Ausnahmen bestimmen auch hier, so gut wie in anderen Fallen, die Regel, und diese Regel heißt: durchdachte Auswahl, klare Beitragsghederung, Inhaltsresumee und abschließende kalischen Erscheinungen über Botanik und Zoologie hm zum Menschen und endet im Kosmos der Fixsternwelt. Unser Bild zeigt das zu seiner Zeit, Ende des sechzehnten Jahrhunderts, modernste anatomische Institut. Es zeigt nicht nur, daß anatomische Demonstrationen damals noch den Charakter eines Schauspiels hatten, keineswegs nur für Studenten bestimmt und jedermann gegen Emtnttsgebuhr zugänglich; es zeigt auch, wie der ehrgeizige Kunstler seine im übrigen durchaus reaistische Darstellung mit Symbolen erhohen wollte zu einem Memento Mon. R W L. 1:Wertung — wobei zu beobachten ist, daß die Handhabung dieses Dispositionsschemas, die individuelle Variation, den Kenntnisreichtum und die geistige Beweglichkeit der Artikelschreiber verrat. Wahrend man sich auf der Unterstufe mit biderber Paraphrase und abrupt einsetzender Kritik begnügt, einer Kritik, die häufig vage, subjektiv und manchmal sogar unfreiwillig komisch erscheint (Hebbels "lichte Natürlichkeit auf der Mittelstufe von einem ortsbestimmenden Präludium und einer sachlich belegenden Analyse umrahmt, um endlich auf der Oberstufe einer Darstellung zu weichen, die Textrekapitulation und mterpretierend kntisches Durchmustern vereint, so daß die Schlußbemerkung eher als Zusammenfassung aus anderer Sicht denn als persönlicher Zusatz erscheint Man lese d e Artikel über Anstophanes "Acharner", Euripides "Andiomache" oder Kallimachos "Aitia": Meisterlich, wie sich hiei Paraphrase und Interpretation, raffende Inhaltsangabe und Behandlung wichtiger Sekundärliteratur, werkimmanente Erhellung und Betiachtung des Nachlebens, Strukturanalyse und Deutung der Zentralprobleme miteinander veischwistern — und wie souverän, wie pointiert und witzig formuliert (der Beitrag "Anthologia Palatino" 1Artikel, sind eigentlich alle, von einem einzigen Bearbeiter stammenden, grazistischen Beitrage, sind — drei Beispiele für hunderte — die Analysen der Durrellschen Tetralogie oder, ein jäher Sprung, der Apostelgeschichte und der Herderschen Abhandlung über die Sprache.

Unebenheiten, ich bin dessen gewiß, werden sich mit der Zeit ausgleichen, Aufsatze wie die über Bechers "Abschied" oder Swmburnes "Atalanta in Calydon" (hier fehlt auch noch der Hinweis auf Hofmannsthals frühen Essay) kundig melionsieren lassen. Die Hauptsache bleibt, daß jeder Artikel ein Höchstmaß von Verweisen, von Quellenanalysen und Betrachtungen der Wirkungsgeschichten enthalt: Was nutzt mir das Referieren der Goetheschen "Achilleis", wenn ich nichts über die Hauptquelle, den TrojaRoman des Diktys von Kreta, erfahre, nur sehr Vages über Abweichungen von Homer höre und zudem im Literaturverzeichnis ausgerechnet die beiden bahnbrechenden Arbeiten von Max Morris und Wolfgang Schadewaldt ("Goethes Achtlleis") vermisse Kurzum, wenn ich, einer der ersten Leser dieses Lexikons in statu nascendi, eine Erwartung äußern durfte, so wäre es die Hoffnung auf einen weiteren Zuwachs der positivistischen Elemente und eine stetige Abnahme der anspruchsvollunverbindlichen Floskeln. Nennt Fastradens Bräutigam, Keyserlings "Abendliche Hauser" sind gemeint, getrost beim Namen, Dietz von Egloff heißt er, begnügt euch nicht mit dem vagen "Sohn eines benachbarten Adelshauses"! Was soll mir der Hinweis auf das "Buch eines Hofmannsthalschen Andreas Morton Pnnce, es besser Fort auch mit dem unvergeßlich, einprägsam, überzeugend, anschaulich, fort mit den austauschbaren epitheta ornantia, fort mit den nichtssagenden Hymnen (die Aeneis "das bedeutendste und berühmteste Horaz, armer Catull!), fort mit den unbewiesenen, von mangelnder Sachkunde zeugenden Pauschalurteilen, fort mit der "unbeholfenen SproStatt dessen noch mehr interpretierende Textparaphrasen — wieviel Thomas Mann Philologie ließe sich, vom Hollenfahrtmotiv bis zum Thema des proteischen Wesens, m dem einen Krull Arukel unterbringen! Und auch noch mehr Verwertung der Sekundärliteratur: Der "Ladultera" Berater muß mindestens m einem Relativsatz Herman Meyers Thesen erwähnen — Thesen aus dem Zitatbuch, dessen FontäneKapitel noch nicht einmal in den Literaturangaben genannt wird, und das ist so bedauerlich wie das Fehlen der Hinweise auf Bollnows "Wesen der Stimmungen" im Fall des "Zarathustra" oder auf Vermeils "Doctnnaires" im Fall der Betrachtungen eines Unpolitischen beklagenswert sind (Wie oft steht gerade das Wichtigste unter Titeln, die dem Bibliographen keinen Fingerzeig geben!) Wunsche, Bedenken, Erwägungen, Tadel, Verbesserungsvorschlage (und, bei Gelegenheit an die Redaktion ubersandt, eine Liste mir aufgefallener und niemals zu vermeidender errata): ich Wunsche, man möge die Emzelkntik als den Versitch <eines, dankbaren Lesers begiTeifen, der für hundertfältige Belehrung — und Belehrung aucip;, auf eigenstem Gebiet! — u% eine Fülle voji Hinweisen sachlicher und methodischer Art Dank sagen möchte.

So viele Verbesserungen im einzelnen auch denkbar sind, so viele Mitarbeiter, Artikelsehreiber, Bibliographen und Redakteure durch bessere, das heißt belesenere und philologisch geschultere Leute ersetzt werden sollten: schon jetzt darf man sagen, daß sich hier ein großer Plan offenbar in einer Weise realisiert sieht, die unter Berücksichtigung aller Schwierigkeiten optimal genannt werden muß.

Denn mag sich auch ein noch besseres Lexikon, ein noch umfassenderer Plan ausdenken lassen — jeder Mitarbeiter ein Ernst Robert Curtius, jeder Redakteur ein dAlembert, jeder Berater ein Kallimachos und Zenodot und Anstarch, jeder Korrektor ein Erasmus (dessen Briefe, em letzter Vorschlag in Klammern, der Nachtragsband aufnehmen sollte) — das Lexikon ließe sich eben nur denken, nicht schreiben und nicht publizieren.