Pierre Masse, Le Plan ou l’Anti-Hasard, Verlag Gallimard, Paris Collection Idées, 2,90 francs.

Es ist sicher nicht die Regel, daß Wirtschaftsplanung und Wirtschaftspolitik von denen gemacht werden, die darüber nachdenken, wie sie gemacht werden sollten. Studierstube und Direktionszimmer liegen meistens voneinander getrennt, auch wenn sich heute beide im selben Stahl-Glas-Hochhaus befinden. Der Theoretiker ist nur, selten auch gleichzeitig der Vorturner praktischer Wirtschaftspolitik.

Frankreich liefert uns gegenwärtig einen interessanten Fall der Personalunion von Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspraxis. Diese Person ist Pierre Masse. Seine Amtsbezeichnung: Generalplanungskommissar. Sein Amt: mit einer Hundertschaft von erfahrenen Mitarbeitern Frankreichs Fünfjahrespläne, die sogenannten „Pläne der Nation“, auf die Beine zu stellen. Das tut er seit 1959 und dieses Jahr zum letztenmal; denn Pierre Masse wird ins Privatleben zurücktreten.

Man könnte diesen Band, der teils bereits veröffentlichte, teils neue Kapitel zusammenfaßt, als eine Essaysammlung bezeichnen. Aber ist er nur das? Hier stehen Philosophie, Wirtschaftstheorie und -praxis einträchtig nebeneinander. Philosophie ist das ganze, nicht deshalb, weil eifrig Kant, Nietzsche, Pascal, Valéry, Marx und andere zitiert werden, sondern weil Masse seine grundlegenden Gedanken über das „Warum“ und das „Wie“ der Wirtschaftsplanung ausbreitete Der Kenner volkswirtschaftlicher Probleme wird Formeln und Kurven, Erörterungen über Optimalität und Gewinnmaximierung, Anmerkungen zu Keynes’ Allgemeiner Theorie bis hin zu Oskar Langes polnischen Planvorstellungen nicht vermissen müssen. Der Laie auf diesem Gebiet wird sie trotzdem verstehen. Pierre Masse möchte seinen Lesern klarmachen, daß heute eine moderne Industriegesellschaft ohne eine sinnvolle Planung nicht mehr auskommen kann. Die gute alte Zeit des wirtschaftlichen Gleichgewichts, wie es im neunzehnten Jahrhundert als eine Art selbstverständlichen Naturzustandes geherrscht habe, sei seit 1914 für immer vorbei. Heute dränge alles auf Expansion, und jeder wolle heute diese Expansion. Das sei, so sagt Pierre Masse, die große Chance unserer Zeit; für den Fortschritt, aber auch die Gefahr, plötzlicher Krisen, die niemand wolle.

Aufschlußreich ist da vor allem das erste und bisher unveröffentlichte Kapitel l’Aventure Calculée, „Das kalkulierte Abenteuer“. Schon diese Überschrift ist die gelungene, knappe Zusammenfassung der Ausführungen. Sie könnte auch als treffendes Schlagwort über dem ganzen Buch stehen. Die Zukunft vorausberechnen (calculer), das heißt, die zahlreichen variablen X-Größen einschränken oder ausschalten, „schöpferisch etwas gegen den Zufall unternehmen“. Masse versteht seine Aufgabe dabei durchaus in einem weiteren Sinne, als sie zum Beispiel Georges Brown, der britische Wirtschaftsminister, einmal für die englische Planung bezeichnet hat. Es sollen nicht nur bestimmte Entwicklungstrends festgelegt werden; in Frankreich will man die Entwicklung selber sehr genau bestimmen.

Der Autor ist dabei nicht in einer so schlechten Ausgangsstellung, wie es beispielsweise jemand wäre, der den Bundesrepublikanern die Planifikation schmackhaft machen wollte. Das wenig verlockende Vorbild östlicher Planwirtschaft hat in Frankreich nicht die unmittelbare Nähe wie in der Bundesrepublik. Man kann da gelassener sein. Die Planifikation ist schließlich keine Erfindung der de Gaulleschen Ära. In Frankreich wird schon seit 1949 geplant. Der erste große Stratege auf diesem Gebiet war kein Geringerer als Jean Monnet, einer der maßgeblichen Konstrukteure Europas.

Ja, Planung oder freies Spiel der wirtschaftlichen Kräfte, ist das denn eigentlich noch die Gretchenfrage der Wirtschaftspolitik? Läßt sich in einer modernen Industriegesellschaft noch ernsthaft dieses strikte „Entweder-Oder“ vertreten? Manche glauben’s fest und innig. Aber wohl weniger aus Kenntnis dessen, was Planifikation jenseits des Rheins nun eigentlich ist, als vielmehr aus (berechtigtem) Horror vor dem, was Planwirtschaft jenseits der Elbe seit zwanzig Jahren vorexerziert. Berechtigte Abneigung sollte aber kein globaler Ersatz für das Nachdenken sein. Gerade hier kann man die klaren Überlegungen und Thesen Masses, die mit sachlichem, aber ohne messianischen Eifer vorgetragen werden, zur Lektüre empfehlen.

Friedrich-Wilhelm Reuter