E. W., Paris im Oktober

Die Bonner Aufregung um die Person des Bundesaußenministers ist in Frankreich mit Interesse, aber ohne besondere Spannung verfolgt worden. Wird sich die Außenpolitik de Gaulles davon wesentlich beeinflussen lassen, wer als Minister ins Auswärtige Amt einzieht? Diese Frage wird nicht nur in Bonn, sondern auch in Paris gestellt.

Als nach der ersten Beratung des CDU-Gremiums für die Regierungsverhandlungen eine zweite Amtszeit Schröders angekündigt wurde, gab es zahlreiche Kommentare, die übereinstimmend verrieten, daß man seine Ansichten für unvereinbar mit dem Konzept de Gaulles hielt. Das Interview, das der Bundesaußenminister der „Rheinischen Post“ gab, wurde für diese Beweisführung herangezogen. Der Leitartikler von „Le Monde“ überschrieb seine Analyse mit der deutschen Überschrift: „Amerika über alles.“ Der Ton des Kommentars konnte von der Anekdote inspiriert sein, die wissen will, daß General de Gaulle einmal zu Ludwig Erhard gesagt hater verstehe das deutsche Sicherheitsinteresse an den USA, aber... „ich wünsche Ihnen damit viel Vergnügen“.

Soweit ist die Kritik zwar offenherzig, aber nicht neu. Wo sie schärfer ist als üblich und zu dem Schluß kommt, daß die deutsch-französischen Beziehungen nun noch schlechter werden würden, gründet sich die Überlegung auf die aus Bonn bekanntgewordenen Grundsätze für die Beziehungen zu den Ostblockländern. Man hat in Paris den Eindruck, daß Schröder und Erhard, um ihren Widersachern wenigstens etwas entgegenzukommen, gerade das Gebiet opferten, auf dem noch am ehesten ein gemeinsames deutsch-französisches Handeln möglich schien. Als geradezu polemisch empfand man die Erklärung Schröders, daß die französischen Bemühungen um Osteuropa eher dem Status quo als der Wiedervereinigung dienten. Daß alle Aspekte seiner Politik dazu dienen, die Weltpolitik und vor allem die Dinge in Europa in Bewegung zu bringen – dies wird de Gaulle in der französischen Öffentlichkeit kaum streitig gemacht.