Alfred hatte den Vorschuft bekommen. So beginnt eine Erzählung mit dem Titel "Der sechste Geburtstag". Es ist eine Kindergeschichte. Sie scheint mir geeignet, auf einige Eigenarten dessen, der sie erzählt, und seiner Art des Erzählens hinzuweisen.

Wir finden diese Geschichte in dem gerade eben erschienenen Erzählungsband von Siegfried Lenz: "Der Spielverderber"; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 243 S , 16 80 Es es dies der fünfte Erzählband, den der Autor, immer im gleichen Verlag, veröffentlicht hat. Voraus gingen: Erstens "So zärtlich war Suleyken" (1955), zweitens "Jäger des Spotts" (1958), drittens "Das Feuerschiff" (1960), viertens "Lehmanns Erzählungen" (1964). Lenz setzt hier eher die mit dem zweiten und dritten Band begonnene Reihe fort. Weil ich mich so am kürzesten verständlich machen kann, möchte ich sie, einigen Widerwillen überwindend und wie andere auch mein Gewissen durch Anführungszeichen schützend, die Reihe der "ernsthaften" Erzählungen nennen.

Also, "Alfred hatte den Vorschuß bekommen". Der Anfangssatz ist typisch für eine moderne Geschichte (ich nenne das einmal "Erzählung", einmal "Geschichte", auch Story wäre bei Siegfried Lenz zu vertreten und vielleicht sogar Novelle — gemeint ist jedesmal ein Prosatext, der eine erfundene Handlung wiedergibt und nicht lang genug ist für einen Roman). Wir werden mit einem lakonischen Satz, zu dessen Verständnis uns die Voraussetzungen noch fehlen, mitten in eine Situation geworfen, in der ein scheinbar alltägliches Thema ("Vorschuß") sogleich anklingt.

Siegfried Lenz fängt gerne so an. Beispiele von den anderen dreizehn Erzählungen dieses Bandes: "Mitten in jenem Winter kam er mit Fahrrad und Auftrag hierher — "Lauschend kam der dicke Burow aus dem Gasthaus heraus — "Sie rangen miteinander vor unserem Fenster — "Der Finne kam am Monatsende — "Nur deine Unterschrift, sagte Puchta, deine volle und leserliche Unterschrift — "In diesem Herbst hatte Artur dem Jungen aber auch nichts erspart — "An alles haben die Architekten meines Instituts gedacht " Da ist keine Rede von einer ruhigen Exposition. Balzac oder Tolstoi fangen anders an, Aber auch moderne Romanciers — etwa so: "Erzähl du. Nein, erzählen Sie. Oder du erzählst. Soll etwa der Schauspieler anfangen?" Der zweite Satz dieser Erzählung Der sechste Geburtstag" von Siegfried Lenz ist wiederum charakteristisch: "Er hatte ihn mir nicht gleich gegeben, als er von der Arbeit kam " Der Ich Erzähler wird eingeführt. Dreizehn dieser vierzehn Geschichten haben einen IchErzähler (zweimal heißt es, um ganz korrekt zu sein, "wir" statt "ich"). Die Geschichte vom sechsten Geburtstag erzählt Alfreds Frau Maria. Damit hat der Erzähler eine Perspektive gewählt, die, um das vorwegzunehmen, seiner Geschichte völlig angemessen ist. Das Risiko, das darin liegt, ist ebenso statistisch nachweisbar wie psychologisch erklärbar: Die Geschichte der Weltliteratur kennt wenig Beispiele dafür, daß Männer glaubhaft erzählen, wenn sie Fraüenkleider anlegen. Der "Rollen Prosa" sind engere Grenzen gezogen, als manche meinen mögen.

Maria erzählt, wie Alfred ihr, ehe er zur Arbeit geht, den ganzen Vorschuß gibt und sie bittet, davon dem Sohn Richard ein besonders schönes Geschenk zu kaufen.

Der nächste Satz: "Ich versprach es ihm, und ich versprach, nichts zu trinken an diesem achtzehnten April, den wir auserwählt hatten, um Richards sechsten Geburtstag zu feiern" Immer wieder können wir solche Sätze finden bei Siegfried Lenz, Sätze, die scheinbar oberflächlich ganz Alltägliches in Satzgefügen ohne aufgepfropfte Poesie aussagen, in die jedoch vbles hineingeheimnist ist. Wir erfahren: offenbar säuft diese Frau; und offenbar gibt es Gründe, Richards sechsten Geburtstag nicht an dem Tage zu feiern, an dem er vor sechs Jahren geboren wurde. Dieser eine Satz enthält, und das scheinbar am Rande, den Kern der ganzen Handlung. Im nächsten Satz erfahren wir noch, daß dif Arzt Urheber des Gedankens war, den Geburtstag des Kindes zu verschieben.

Dann wird der Spannungsbogen angesetzt. Von dem, was eigentlich los ist, hören wir zunächst nichts mehr. Statt dessen wird über Geburtstagswünsche von Kindern reflektiert uad das Verhältnis des sechsjährigen Sohnes Richard zu seiner elfjährigen Schwester Jutta beschrieben.