E. W., Paris, im Oktober

Vermutlich hat die V. Republik dem nun 80jährigen François Mauriac keinen Gefallen getan, als sie den Autor und den Verleger des Buches „Mauriac unter de Gaulle“ vor Gericht stellte. Die Verhandlung fiel mit den Geburtstagsfeiern für den Dichter zusammen und brachte den Nobelpreisträger, der sich seit langem auch unerschrocken in der politischen Arena bewegt, in den Verdacht, zu guter Letzt noch ein „Staatsbarde“ geworden zu sein.

Der Vorsitzende des Gerichts ließ sich vom Angeklagten, dem Schriftsteller Jacques Laurent, der als Filmautor mit dem Namen Cecil Saint-Laurent zeichnet, bestätigen, daß er sein Buch nie geschrieben hätte, ohne die de-Gaulle-Biographie von Mauriac als Vorlage. Sein Buch sei also als Gegenschrift zu werten. Als ein literarisches Gegenstück – so erklärte Laurent. Daher denn auch die Respektlosigkeiten, mit denen er das Staatsoberhaupt behandelt hatte.

„In welch anderen Ton sollte ich verfallen, nachdem Mauriac, auf den ich antwortete, vor derselben Person in leidenschaftlicher Anbetung versunken warf Das war das indirekte Eingeständnis des Autors, einen manchmal „unglücklichen“ Ton gewählt zu haben. Übrigens hat gerade wegen seines Übergewichts an Polemik das Buch, das seit einem Jahr im Handel ist, keinen durchschlagenden Erfolg gehabt.

Den Angeklagten gelang es, die Debatte auszuweiten, so daß in dem überfüllten Gerichtssaal die Frage behandelt wurde, wieweit das Staatsoberhaupt überhaupt kritisiert werden dürfe. Sie hatten sich attraktive Zeugen gesichert. Da waren die drei Kandidaten für die Wahl des Staatspräsidenten: Mitterrand von der Linken, Marcilhacy, der Platzhalter des konservativen Lagers, und Tixier-Vignancour von der radikalen Rechten. Auch auf der Zeugenbank und im Zuschauerraum gaben sich die Rechte und die Linke ein Stelldichein. So versicherte Françoise Sagan, daß sie keine Verfehlung gegen den Geist der Literatur und gegen den guten Geschmack in dem Buch habe feststellen können.

Es ging also um die Freiheit der Meinungsäußerung in der V. Republik, und ein besonders leidenschaftlicher Zeuge versuchte zu beweisen, daß sich Frankreich auf chinesische Zustände zubewege. Diese Behauptung fand kaum ein Echo. Aber zwei Aspekte, die das Verfahren zutage förderte, haben doch in der Öffentlichkeit einen starken Niederschlag gefunden. Denn man erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß in den letzten sieben Jahren insgesamt 300 Personen wegen Beleidigung des Staatsoberhauptes vor Gericht gestellt wurden.

Die Anklage stützt sich auf ein Gesetz aus dem Jahre 1881. Die Verteidiger entgegnen, dies alte Gesetz, das den Staatspräsidenten dem Kampf der Meinungen entzog, sei für ein Staatsoberhaupt gedacht, das keine Funktionen in der Tagespolitik hatte. Der Staatspräsident der V. Republik sei aber gleichzeitig Regierungschef und müsse daher auch der Kritik unterworfen

Das Gericht entscheidet am 22. Oktober, und da etwa am gleichen Tag der Wahlkampf für das Amt des Staatspräsidenten beginnt, nimmt man an, daß die Justiz, von höherer Warte beraten, die Paragraphen des Gesetzes mit Milde anwenden werde.