Verklärung statt Aufklärung ist ein Mißverständnis, auf das sich zu einigen in Deutschland beliebt ist. So konnte es kaum verwundern, daß der Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1964 dem französischen Dramatiker und, wie er sich selber gern nennt, Philosophen Gabriel Marcel zuerkannt wurde; in der Verleihung heißt es unter anderem: "dem Mahner zu einer realistischen Ordnung des Friedens". Wie sonderbar verräterisch die Sprache doch sein kann — das Wörtchen "realistisch" versteht sich in diesem Kontext automatisch als Einschränkung; man kennt derlei Zwangsläufigkeit der Epitheta aus Kommentaren in Tageszeitungen und Rundfunksendern, man kennt es in seiner gegenseitigen Entsprechung, denn auf der anderen Seite heißt es "gerechter" Friede.

Wie militant dieser "Friedensrealismus" sich artikuliert, blieb den zahlreich in der Paulskirche versammelten und applaudierenden deutschen Buchhändlern und Verlegern nicht vorenthalten: Das Vokabular der Rede Gabriel Marcels setzte sich vorzüglich aus "Gegner", "Angriff", "Stellung", "verteidigen", "ausliefern" zusammen, und bei der Erörterung atomarer Abrüstung überwogen die Bedenken, weil die Gewissenlosigkeit der sowjetischen Führung zweifelsfrei und die freie Welt den "Angriffen eines Gegners ausgeliefert wäre, für den das Gewissen nur ein Wort ohne Inhalt ist".

Dies ist, und nur deshalb soll es erwähnt sein, nicht der Ausflug eines christlichen Denkers in die Tagespolitik, sondern Summe, ja Konsequenz des Ideologen Gabriel Marcel, der 1929 vorn Judentum zum Katholizismus übertrat. Im selben Vortrag erläuterte er eine der philosophischen Grundlagen für seine Unterscheidungen in dieser Welt: "Der Gedanke der Gleichheit kann nur den Ideologen verführen. Niemals könnte ein Philosoph, der diesen Namen verdient, den Gedanken der Gleichheit in der Anwendung auf menschliche Wesen ernst nehmen. Zu sagendaß die Menschen gleich seien, ist ebenso widervernünftig, wie zu wünschen, daß sie es würden " Ist es eigentlich erstaunlich, daß ausgerechnet der Sozialdemokrat Carlo Schmid, dem "Rebellenberedsamkeit und repräsentative, Rhetorik" nachgesagt wird, diesem Manne die Laudatio hielt? Leider wohl nicht. Die sechzehn Seiten voller Wortgewölk preisen den "großen Einsamen", der Beispiel für die "kraftvolle Jugend unserer Länder" sein kann, sprechen vom "Ausloten der Tiefen und Untiefen", von der "Wirklichkeit, die über uns kommt", von einem Philosophen, der "sich nachdenkend sich selber zuschreitet". Dies alles, scheint mir, braucht ein Postskriptum. Seinem steten "Wir als Europäer", seinen "Grundwerten", seinem "äußerste Wachsamkeit ist das Gebot der Stunde" sollte nicht vorbehaltlos applaudiert, sie sollten nicht preisgekrönt, vom Kultusminister eines SPD Schattenkabinetts akklamiert werden. Ist es denn gar nicht denkbar, daß Gabriel Marcels "kämpferisches Bewußtsein" nicht das unsere ist? Immerhin schrieb et mitten im Ersten Weltkrieg das (unvollendete) Stück "Ein Gerechter", in dem er den Pazifismus denunzierte — zu einer Zeit, zu der Jean Jaures ermordet wurde, zu der sogar des Marxismus unverdächtige Schriftsteller wie Stefan Zweig und Romain Rolland den Krieg denunzierten, zu der Henri Barbusse "Le Wie ein — pardon für das harte Wort — roter Faden zieht sich Mißtrauen, ja Aggressivität gegenüber allem, was den Krieg seiner Ehre berauben will, durch Marcels Arbeiten; mit einer Ausnahme: der Kreuzzug gegen den Kommunismus. Seine Theaterkritiken — Gabriel Marcel: "Die Stunde des Theaters" — Kritik und Interpretation; Albert Langen — Georg Müller Verlag, München; 260 S , 16 80 — (im Vorwort definiert er seine kritische Beziehung zum Theater als "Nahkampf")siiv aufschlußreich. Sogar GIraudoux "Der trojanische Krieg findet nicht statt" wird, weil militant pazifistisch, nicht begriffen, also heftig abgelehnt: "Aber ist diese Art Literatur eigentlich zulässig?" Zwei Jahre später, im März 1937, verübelt er den "revolutionären Optimismus" in "Elektra" und bringt diesen unglaublichen Satz zu Papier: "Giraudoux Wortführer läßt aber durchblicken, daß Morden und Brennen Vorboten einer Morgenröte sein können — was im Hinblick darauf, daß der Dichter jüngst in Barcelona war, nicht sehr erfreulich wirkt " Hier, sollte man meinen, hört der Spaß auf: Morden und Brennen waren also die bezeichnenden Tätigkeiten der Republikaner — und Franco und Lorca und die Legion Condqr und Guernica? Um sicher zu sein, daß hier nichts interpoliert, nicht falsch Zeugnis geredet wird, lese man Gabriel Marcels Angriff auf Camus" "Belagerungszustand" in den Nouvelles LitteOffenen Brief von Camus an Marcel aus dem Der katholische Kritiker, dem der Ausdruck katastrophal für das Stück zu schwach scheint, ist empört über diesen Angriff auf die Diktatur, weil Camus die Handlung in Spanien ansiedelt. Er findet es "nicht mutig, ja noch nicht einmal redlich". Und er versucht, Camus gegen sich selber in Schutz zu nehmen und diesen Fehler Jean Louis Barrault anzulasten. Ein würdigerer und niederschmetternderer Refus als Camus "Antwort an Gabriel Marcel" ist nicht denkbar: "Sie haben Ihre Rechte als Kritiker überschritten, als Sie Ihrem Erstaunen darüber Ausdruck gaben, daß ein Stück über die totalitäre Tyrannei in Spanien spiele, während es Ihrer Ansicht nach viel eher nach Osteuropa gehörte. Und Sie lösen mich erst recht von meiner Schweigepflicht, indem Sie schreiben, es handle sich hier um einen Mangel an Mut und Ehrlichkeit. Allerdings haben Sie die Güte, anzunehmen, ich sei für diese Wahl nicht verantwortlich (mit anderen Worten: die Schuld trägt der garstige, schon mit so vielen Verbrechen behaftete Barrault). Unglücklicherweise spielt das Stück in Spanien, weil ich beschlossen, und zwar nach reiflicher Überlegung und allein beschlossen habe, daß dem so sein solle. Infolgedessen muß ich Ihre Vorwürfe in Bezug auf Opportunismus und Unehrlichkeit auf meine Kappe nehmen. Warum Spanien? Ich muß gestehen, daß ich mich ein bißchen schäme, an Ihrer Stelle die Frage aufzuwerfen. Warum Guernica, Gabriel Marcel? Warum jenes Stelldichein, wo Hitler, Mussolini und Franco, einer noch in ihrem Komfort und ihrer armseligen Moral dösenden Welt spottend, zum erstenmal Kindern vor Augen führte, wis totalitäre Technik ist? Ja, warum jenes Stelldichein, das auch uns galt? Zum erstenmal stießen die Menschen meiner Generation in der Geschichte auf den Triumph der Ungerechtigkeit. Das Blut der Unschuldigen floß damals inmitten eines lauten Pharisäergeschwätzes, das heu:e noch nicht verstummt ist. Warum Spanien? Weil ein paar unter uns sind, die sich angesichts dieses Bluts die Hände nicht in Unschuld waschen. WeU ehe Gründe der Antikommunismus auch haben mag, und ich kenne triftige Gründe dafür, ;o können wir doch diese Einstellung nicht akzeptieren, solange sie in ihrer Ausschließlichkeit so weit geht, jene Ungerechtigkeit zu vergessen, die mit dem stillen Einverständnis unserer Regiereiden weiterdauert. Ich habe so laut wie möglich gesagt, was ich von den russischen Konzentrationslagern halte. Aber darüber vergesse ich Dachau und Buchenwald nicht und nicht den namenlosen Todeskampf von Millionen von Menschen, sowenig wie die grauenvolle Unterdrückung, die die spanische Republik heimgesucht hat. Ja, ungeachtet der mitleidigen Herablassung unserer großen Politiker muß das alles zusammen an den Pranger gestellt werden. Und ich werde diese abscheuliche Pest in Westeuropa nicht entschuldigen, weil sie im Osten größere Räume verheert. Sie schreiben, daß dem gut Unterrichteten gegenwärtig nicht aus Spanien die Nachrichten zukommen, die den auf Menschenwürde Bedachten am ehesten zur Verzweiflung treiben könnten. Sie sind schlecht unterrichtet, Gabriel Marcel. Erst gestern sind in Spanien wieder fünf politische Gegner zum Tode verurte:lt worden. Aber Sie wollten schlecht unterrichtet sein und züchteten darum das Vergessen. Sie haben vergessen, daß die ersten Waffen des totalitären Krieges in spanischem Blut gehärtet wurden. Sie haben vergessen, daß im Jahre 1936 ein aufständischer General im Namen Christi eine Armee von Mauren aushob, um sie gegen die rechtmäßige Regierung der spanischen Republik einzusetzen, daß er nach unsühnbaren Metzeleien einer ungerechten Sache zum Sieg verhalf und dann eine unerbittliche Unterdrückung begann, die zehn Jahre dauerte und heute noch fortdauert. Ja, wahrhaftig, warum Spanien? Weil Sie und viele andere das Gedächtnis verloren haben " Eine Antwort von Gabriel Marcel ist nicht bekannt. Eine Antwort, allenfalls, kann das geben, was seine Freunde euphemistisch die PhilosopHe Marcels, nennen.

Seine theoretischen Aufsätze nämlich proklamieren nicht nur eines der Übel unserer Zeit, die Aufhebung des kausalen Denkens, sie dokumentieren es bereits (folgerichtig wird beispielsweise der Korea Krieg niedlich Korea Affäre genannt). In seinem Buch Gabriel Marcel: "Der Mensch als Problem"; Verlag Josef Knecht, Frankfurt; 156 S , 6 80 geht Marcel von einem Slogan aus, den Hans Zehrer in seinem Buch "Der Mensch in dieser Welt" (Rowohlt Verlag, 1948) prägte, um die Nullpunktsituation der ersten Nachkriegszeit zu charakterisieren: der Mann aus der Baracke. Marcel, der diese Feuilletons des Bild Leitzeitgenössischen deutschen Philosophen Hans Zehrer" ernennt, individualisiert und psychologisiert alle denkbaren Kausalitäten hinweg, warum denn nun der Durchschnittsmensch des Jahres 1946 vor den moralischen, politischen, gar architektonischen Trümmern seiner Existenz stehe: "Man könnte sich so in diesem Stadium der Überlegung fragen, auf Grund welcher geschichtlichen Ereignisse die Bevölkerungsumsiedlungen oder die Massendeportationen, die zum Auftauchen des Mannes aus der Baracke führten, möglich geworden sind. Ich werde nicht weiter auf diese rein geschichtliche Seite des Problems eingehen Man müßte natürlich auch noch aufzeigen, wie die Kriege in entfesseltem Lauf möglich wurden Aber das Wesentliche liegt woanders, genauer ausgedrückt, es muß auf einer Ebene gesucht werden, die nicht die des sichtbaren Abrollens der Ereignisse ist. Was mich anbelangt, so wage ich zu sagen, daß der Prozeß, der zu dem Mann aus der Baracke und zu den angstvollen Fragestellungen führt, um die alle diese Überlegungen kreisen, eine wahre Nekrose, einen Prozeß des Absterbens darstellt, dessen Ursprung metaphysisch ist " Das Resultat dieser banalen, aus dem Nichts ins Nichts führenden Erörterungen ist gleich Null. Für Gabriel Marcel ist der Mensch ein Problem ; feindlich jeder determinierbaren Erkenntnis, freundlich aller Transzendenz, feindlich jeder Dialektik, freundlich allem ahistorischen Denken bleiben seine Theoreme selbst den ihm feindlichen Denksystemen ungefährlich —- er trifft nicht, weil er nicht erkennt. Die Bedrohung des Menschen etwa im modernen, will sagen dogmatisierten Marxismus, dessen zur Eschatologie erstarrten Denkformen, dessen falsche, bis zum sozialen Chaos führende Anthropologie — nichts davon wird hier erreicht, gar gedeutet.

Was bleibt, könnte von Gertrude Stein formuliert sein: Eine Attacke ist eine Attacke ist eine Attacke .

Des zum Problem deklarierten Menschen nimmt sich Gabriel Marcel nicht an, er ist nicht ergriffen von ihm, und er ergreift ihn nicht. Bezeichnend, daß Gabriel Marcels heftigste Abneigung Jean Paul Sartre gilt. In einem Vortrag, den er 1959 in Freiburg im Breisgau hielt, sagt er:" Ein dramatisches Werk darf nie und nimmer zur Unterstützung einer Idee geschrieben werden, die man den Zuschauern einhämmern will. Die Würde des dramatischen Werkes kann nur dann gewahrt werden, wenn der Widerstand gegen äußere Zweckbestimmung absolut und unbedingt ist " Sartres totales In Frage Stellen des Verständnisses und Selbstverständnisses des modernen Menschen, eine dialektische Weiterentwicklung des Gedankens von der Selbstentfremdung und der Versuch seiner Existenzphilosophie, den Menschen für sich selbst verantwortlich zu machen, lösen tiefes Mißtrauen bei Marcei aus. Die in der Nachkriegszeit bis zu Juliette GrecoSongs vulgarisierte, fast modisch gewordene Einsicht von der Bindungslosigkeit des Menschen, von dem Nichts, das dem Sein gegenübersteht und das Individuum damit auf sich selbst zurückwirft, war ideologienfeindlich per se. Der Abschnitt " Freiheit und Verantwortlichkeit" im Kapitel "Haben, Machen und Sein" von Sartres " Das Sein und das Nichts" ist unter anderem eine brillante, alles später Gesagte vorwegnehmende Studie zum Phänomen Eichmann. Der Abschnitt endet:" Wer in der Angst seine Seinsstellung realisiert, nämlich in eine Verantwortlichkeit geworfen zu sein, die sich bis auf seine Verlassenheit erstreckt, hat keine Gewissensbisse mehr, keine Anwandlungen von Reue und braucht keinen Entschuldigungsgrund; er ist weiter nichts als eine Freiheit, die sich in vollkommener Weise selbst entdeckt und deren Sein eben in dieser Entdeckung seinen Sitz hat " Dazu bemerkt Gabriel Marcel:" Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, daß Sartre in einer Ethik der Ungeniertheit landet " Bezeichnend ist diese unverständige Anmerkung vor allem deshalb, weil sich gerade zu diesem Text nahezu wörtlich Entsprechungen bei Georg Lukäcs finden. Gerade dieses Kapitel von Sartres Buch ist ja der Moralphilosophie gewidmet und zeigt deutlich die Anstrengung, dem modernen Menschen Ausrede und Auswege zu verlegen, ihm die Verantwortung für sich selber aufzubürden, ihn mit sich selbst zu konfrontieren; Sartres Wort " es gibt keine unmenschlichen Situationen" ist eine sehr nützliche, sehr moralbewußte These, die den Versuch macht, von Guernica bis Hiroshima, von Auschwitz bis Algerien nicht den " bösen Zufall" in Verantwortung zu nehmen, den Ausnahmezustand ( oder Befehlsnotstand) oder Ausnahmemenschen, sondern uns alle.

Sonderbar und typisch zugleich, daß der Vertreter des "der Mensch ist böse", der christliche Dogmatiker also, sich hier trifft mit dem marxistischen Dogmatiker, dem "der Mensch gut" ist. In der Zeit des härtesten Stalinismus, 1951, veröffentlichte Lukäcs eine durch und durch reaktionäre Untersuchung, "Existenzialismus oder Marxismus", in der er Simone de Beauvoir und Merleau Ponty mit dogmatischen Platitüden anfiel und Sartres Philosophie als ein Element der Propaganda der amerikanischen Lebensform begriff (es war genau die Zeit, die Robert Havemann mit seinem furiosen Aufsatz "Ja, ich hatte unrecht" charakterisierte und zu der Sartres achthundert Seiten umfassendes philosophisches Hauptwerk eine "populäre Broschüre" oder ein "Büchlein" genannt wurde). Und so liest sich der LukacsText passagenweise bemerkenswert ähnlich den Etikettierungen Marcels: "Ist aber nicht auch die Sartresche neue Moral, die Moral der Verknüpfung meiner Freiheit mit der Freiheit aller eine, die dem Handelnden keine Richtschnur geben kann und auch nicht geben soll? Aber Aufbau einer Ethik? Bleibt der Akt der Entscheidung das einzig Entscheidende, ist die innere Übereinstimmung des Entschlusses mit der sich in diesem Akt neu konstituierenden Persönlich keit das alleinige Kriterium, die einzig mögliche Verwirklidmng der Freiheit, so gibt es im Existenzialismus keinen Raum für irgendeine Art moralischer oder gar historisch sozialer Verallgemeinerung " Gabriel Marcel überwacht auch jedes Stück Sartres mit kritischer Feder; seine Aufsätze, meist in den Nouvelles Litteraires erschienen, bemühen sich natürlich, zu vernichtenden Resultaten zu kommen: "Die Fliegen": "Letzten Endes ist eine solche Philosophie bestimmt nicht imstande, eine echte Freiheit zu begründen, weil sie für die Liebe keinen Raum läßt " "Bei geschlossenen Türen": "Ich weise darauf hin, daß derartige Werke keineswegs zur Gesundung unseres Landes beitragen, ja, daß sie im Grunde genau das Gegenteil bezwecken, da das ihnen innewohnende luziferische Prinzip nicht nur der Moral, sondern dem Leben selbst, und seinen intimsten Bekundungen widerspricht " "Tote ohne Begräbnis": "Es ist kaum weniger schamlos, auf der Bühne eine Folterung zu zeigen als einen Beischlaf " "Der Teufel und der liebe Gott": "Schlechthin unerträglich " "Nekrassow": "Stellt in der ernsten und schwierigen Lage Frankreichs und der anderen westlichen Nationen im Juni 1955 eine Gefahr dar, ja wirkt vergiftend " "Die schmutzigen Hände": "Wird in der französischen Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts einen hervorragenden Platz einnehmen " Fast möchte man die Selbstverständlichkeit, mit der Antikommunismus hier alleiniges Kriterium eines Kritikers ist, naiv nennen. Es fällt dem aufmerksamen Leser dieser Anmerkungen zum Theater dann doch Karl Kraus ein und sein Wort von der verfolgenden Unschuld. Erstaunlich nur, wie jemand, der sich selbst unentwegt zum Philosophen ernennt — "die Philosophie erschien mir als offenes Versuchsfeld für meinen Geist" — trotz verblasener Philosopheme und banalster Gedanken eines Tages in der Öffentlichkeit Philosoph genannt wird; erstaunlicher noch, daß ein braver Unterhaltungsschriftsteller, Verfasser rührseliger Boulevardstücke und ebenso bedeutungsschwerer wie leerer Dialoge, zusammengefaßt in Gabriel Marcel: "Schauspiele in drei Bänden"; Glock & Lutz Verlag, Nürnberg; Band I: 417 S, 22 50 DM; Band II: 493 S, 25 — DM; (Band III steht noch aus) ernsthaft zum ideenreichen Dramatiker ausgerufen werden kann; kaum noch erstaunlich, daß ein abendländischer Eiferer, ein Ungerechter und Wortreicher, dessen Gedanke blaß und dessen Sprache ausgewachsen ist, Preis und Ehrung erhält.