1J1 ürden in unseren Gymnasien statt der span nend belanglosen "Schwarzen Galeere" die ironischen und ganz und gar nicht belanglosen "Gänse von Bützow" gelesen, so erübrigten sich Präliminarien; wir brauchten von Wilhelm Raabe nicht wie von einem unbekannten Autor zu reden. Es könnten sich dann auch wohl die Verfasser von Literaturgeschichten, darunter solche in höchsten akademischen Würden, nicht leisten, über Raabe einfach die bequemsten Klischees an die nächste Generation weiterzureichen. Verschont würden wir dann vielleicht mit Sätzen wie den folgenden, die einer 1964 erschienenen "Deutschen Literaturgeschichte" eines Universitätsprofessors entnommen sind: "Raabe schloß sich wie Stifter von dieser Welt ab . Er liebte die Idylle, die abgelegenen Orte, die einsamen, stillen Häuser, die ruhigen Giebelzimmer. Er schilderte die Menschen der kleinen Welt, der selbstgenügsamen Innerlichkeit Man erkennt in ihm den Schüler Jean Pauls, und er wird auch (!) unter die deutschen Humoristen gerechnet " In Wirklichkeit ist alles ganz anders. Die "Gänse von Bützow" sind, wie das meiste von dem, was Wilhelm Raabe zu einem großen Schriftsteller macht, für die meisten literarisch Gebildeten terra incognita. Leider: denn die Kenntnis allem dieser satirischen Meisternovelle genügte, Raabes grenzenlose Verachtung für jenes muffige deutsche Kleinbürgertum zu bezeugen, als dessen vorgeblicher Anwalt er von Verehrern und Gegnern bis zum heutigen Tag mißbraucht wurde. Aber man stützte sein Urteil lieber auf jene Werke, die Raabe selber später geringschätzig als seine "Kinderbücher" abtat, wie die behagliche Dickens Kopie des "Hungerpastor" (den in eine Auswahl nicht aufzunehmen allein der Herausgeber des Bandes in der Sammlung Dieterich den Mut besaß).

Raabe ist ein Autor, der im Unterschied etwa zu Stifter nie eigentlich vergessen war, den wir aber doch eben erst wirklich zu entdecken beginnen — und em gutes Beispiel dafür, wie fragwürdig Klassikerruhm sein kann "Es ist fraglich, ob es je sonst in der deutschen Literatur zu einem so krassen Mißverhältnis zwischen der wirklichen und der angeblichen Wesensart eines dichterischen Werkes gekommen ist", schreibt über Raabe der kanadische Germanist Barker Fairley.

Der realistische Roman, der menschliche Probleme in erster Linie als gesellschaftliche Phänomene sah und durch breite Milieuschilderung und psychologische Analyse darzustellen suchte, stand m seiner Hochblüte, als Raabe experimentierend einen neuen Typus von Roman schuf, der zwar auf älteren, vorrealistischen Traditionen des humoristischen Romans fußt, aber auch weit ins zwanzigste Jahrhundert vorausweist und in seiner Grundtendenz antirealistisch ist. Das künstlerische Formprinzip dieses Romans ist nicht mekiSiiiRSung Ä4 Analyse, wndgg eme vielfach gebrochene Perspektive, em kunstvoll verknüpftes Netz symbolischer Bezüge und eine sehr bewußt geformte, Umgangssprachliches wie auch eine Fülle von Bildungsreminiszenzen einschmelzende Sprachatmosphäre, für die Stoff und Handlung, beziehungsreich umspielt, kaum noch mehr als Vorwand sind.

Das Neue wurde jedoch nicht gesehen; man maß Raabes Werk am zeitgenössischen Realismus — der ohnehin in Deutschland schwach vertreten war —, und da mußte es in seiner stofflichen Magerkeit wie eine anämische Verdünnung aussehen. Man nahm für Idylle, für Flucht aus der Zeitwirklichkeit, was in Wahrheit eine Vergeistigung der Romanform war, Reduktion zwar an Stoff, nicht aber an Weltgehalt. Und da es genug Leser und Interpreten gab, denen das Zerrbild zum willkommenen Vehikel eigener Wunschträume oder zum nicht minder willkommenen Popanz für ein kritisches Schattenboxen wurde, entstand eine Tradition des Fehlurteils, die eben erst mühsam von einzelnen Forschern korrigiert wird.

Die "Gänse von Bützow" wären in der Tat eine höchst lehrreiche Klassenlektüre, weil in ihnen die ganze Misere des deutschen Geistes im neunzehnten Jahrhundert enthalten ist, die Enge der gesellschaftlichen und politischen Zustände und die Ohnmacht der Gebildeten, denen zur hoffnungslosen Verstrickung ins Milieu nur die Alternative einer sublimen Art von Flucht zu bleiben scheint: überlegene Distanz. Das wird keineswegs in idyllischer Verklärung gesehen, sondern mit bitterböser Kritik. Zugleich sind die "Gänse" das sinnfälligste Beispiel für Raabes gebrochenes Verhältnis zur Bildungstradition, deren Fragmente, als kunstvoll geschliffene Facetten und häufig in ironischer Verfremdung, hier in ein parodistisch schillerndes Sprachgewand eingefügt werden.

Der Ich Erzähler dieser ,obotritischen Historia" redet ein artifizielles PhilologenArchaisch, nämlich so: "Sintemalen mir nun eine nicht ungütige Gottheit nach ihrem Gefallen einen annehmlichen Standpunkt zwischen Aufklärung und Dunkelheit angewiesen hat, so nehme ich mein Teil Lachen, wo ich es finde, und wenn ich den Kothurnus verstehe, so halte ich es doch nicht eines verständigen Mannes unwürdig, auch am Soccus Gefallen zu finden; es gibt gottlob voller gepfropfte Schubsdcke als den meinigen, und niemals habe ich über dem Senat und Volke von Rom den Rat und die Bürgerschaft von Bützow vergessen. Ich habe nicht nur die Grammatik gelesen, sondern auch Candide, habe das Leben und die Meinungen Tristram Shandys studiert, imgleichen die Musarion und die Abdenten des Herrn Hofrates Wieland — doch still! Auch eine hochehrwürdige Geistlichkeit zu Büt7oiv gehört teilweise zu meiner Freundschaft und Bekanntschaft, und ich kenne die Pastöre geradeso gut wie der Herr Justizamtmann und Professor Bürger in Göttingen und weiß, daß se nicht nur an der leiblichen Tafel oder Tafel des Leibes Messer und Gabel gut zu führen wissen. Folgendes aber ist der Verlauf des großen Gänse Tumultes zu Bützow, dessen Beschreibung ich sogleich mit dem Ausbruch desselben begann, in der Erwartung, er werde groß und denkwürdiger als alles sonst in dieser Art Vorgefallene werden (V. Thucydid bei. Pel. Lib I c. 1 )" Solche Sätze waren nicht nur für Setzer und Korrektoren pinp l Iprcuisforrlpmne:: Di Fditorpn der vorzüglichen historisch kritischen Gesamtausgabe ("Braunschweiger Ausgabe"), die vor einigen Jahren der Verlag Vandenhoeck und Ruprecht übernahm, hatten da manche Widerborstigkeit wiederherzustellen, die vom ersten Druck in der Zeitschrift Über Land und Meer (1866) bis zu den Gesamtausgaben von 1913 und 1935 allzu glattgebügelt worden war. Sie sind eine Herausforderung auch für heutige Herausgeber, denn ein solcher Text will nicht nur editorisch geklärt, sondern auch erklärt sein; der Leser, der die Anspielungen und versteckten Zitate nicht versteht, hat nur den halben Genuß. Die Qualität der Anmerkungen ist bei diesem poeta eruditus mehr als bei irgendeinem anderen ein wichtiges Kriterium für die Qualität einer Ausgabe. Wer sich entschließt, die schön gedruckten, in vornehmes Schwarz gebundenen und, gemessen an der allgemeinen Entwicklung der Buchpreise, durchaus preiswerten Bände der Braunschweiger Ausgabe zu erwerben, der besitzt damit nicht nur einen im Vergleich aller Drucke und Handschriften sorgfältig erarbeiteten, hieb- und stichfesten Text (mit den Lesarten im Appaiat), sondern er wird sich auch bei allen während der Lektüre auftauchenden Bildungsproblemen niemals im Stich gelassen fühlen. Ich habe in langem Gebrauch einige Zitate gefunden, die in den Anmerkungen nicht nachgewiesen werden — etwa die stereotype Wendung von der "finerweitigen Verköstigung" des Dieners Buttervogel aus Immermanns "Münchhausen", die m "Pfisters Mühle" ironisch zitiert wird —, aber keinen Fehler und keine unbefriedigende Auskunft. Was da an Belesenheit und Akubie versammelt ist und was in den Nachworten so nebenbei an biographischem und entstehungsgeschichtlichem Material wie auch zur Aufnahme des Werkes durch die Kritik mitgeteilt wird, macht der Raabe Philologie, die in früheren Jahrzehnten viel zur Verdunkelung des Werkes beigetragen hat und aus den Jahren vor und nach Hitlers Machtergreifung nicht ganz unbelastet hervorging, alle Fhre Man kann nur wünschen, daß wir auf die noch ausstehenden fünf Textbände nicht mehr allzu lange warten müssen — die bisher erschienenen fünfzehn Bände verteilten sich über fast ebenso viele Jahre — und daß dann auch die angekündigten Bände mit Briefen, Gesprächen und Tagebuchnotizen bald folgen; da schlummern noch ungehobene Schätze, die um so ungeduldiger erwartet werden müssen, als die einzige größere Brief Auswahl seit langem vergriffen und im Antiquariat kaum noch zu beschaffen ist. Auch die vor zehn Jahren als Ergänzungsband erschienene Bibliographie wäre durch einen Nachtrag vorteilhaft aufzufrischen; inzwischen hat die Raabe Forschung bedeutende Früchte getragen. Wer die Literatur im allgemeinen und das Werk Raabes im besonderen wirklich liebt, dem kann nar dringend geraten werden, auf die Gesamtausgabe zu subskribieren; die rund vierhundertfünfzig Mark sind vortrefflich angelegt. Das Dilemma beginnt, wie immer, bei der Auswahl. Was gehört in einen Raabe Kanon unbedingt hinein, was sollte als bloßer Ballast lieber draußen bleiben? Ein so umfangreiches Werk wie das Raabes in einem einzigen Dünndruckband angemessen repräsentieren zu wollen, mag fragwürdig sein, hat aber auch seinen Reiz, weil die Auslese von den allerstrengsten Ansprüchen ausgehen muß. Die Auswahl, die Hans Heinrich Reuter für die Sammlung: Dieterich besorgt hat, scheint mir dem Ideal sehr nahezukommen. Sie enthalt die "Gänse von Bützow", aus den "Krähenfelder Geschichten" mit gutem Grund die einleitende Frzählung "Zum wilden Mann" ("Frau Silome" wäre aus künstlerischen Gründen noch starker zu empfehlen gewesen), ferner "Horakker", "Stopfkuchen" und "Die Akten des Vogelsangs", die trotz Barker Fairley unbedingt zu den Gipfelleistungen Raabescher Erzählkunst £< hören. Wären die "Schwarze Galeere" und der "Marsch nach Hause" fortgelassen und dafür noch "Prinzessin Fisch" eingefügt worden — eine Erzählung, die leider in keiner einzigen Ausvi ahlausgabe erscheint und auch als Einzeldruck nicht zu haben ist — und würde ein Minimum an Anmerkungen geboten, der Band könnte mustergültig genannt werden.

Daß Fritz Martini für den elften Band des von ihm gemeinsam mit Walter Müller Seidel bei Herder herausgegebenen Sammelwerkes "Klassische Deutsche Dichtung" die gleichen drei Altersromane ("Horacker", "Stopfkuchen" und "Akten des Vogelsangs") ausgewählt hat, spricht für einen allmählich sich durchsetzenden Konsensus über die Rangfolge innerhalb des erzählerischen Werkes Raabes. Martini hat kein einziges der gängigen Frühwerke aufgenommen und den drei Romanen — falls man Raabes Erzählungen überhaupt Romane nennen darf — nur noch eine der sechs "Krähenfelder Geschichten" beigesellt: "Höxter und Corvey", ein Werk, das im historischen Gewände sehr genau auf Fragen der Zeit (Kulturkampf, Antisemitismus) antwortet. Daß Raabe innerhalb eines solchen Sammelwerkes überhaupt einen ganzen Band beanspruchen darf — eine Ehre, die etwa Fontäne nicht zuteil wuide —, belegt aufs schönste die Umwertung, die sich m der Beurteilung der erzählenden Literatur des neunzehnten Jahrhunderts still, aber unaufhaltsam vollzieht.