Von Werner Höfer

Der zierliche, feingliedrige, dunkelhäutige Mann, Bonner Botschafter der Republik Indonesien, sitzt weit vom Schuß, beiläufig 15 000 Kilometer Luftlinie: Lukman Hakim, bei Surabaja auf Java geboren, aus einer der ersten Familien seines Landes stammend, aus der Widerstandsbewegung gegen Japaner, Engländer und Holländer hervorgegangen, Staats-, Straf- und Finanzjurist mit vornehmlich holländischer Ausbildung, hat seinem Lande in den ersten Jahren der Unabhängigkeit als Finanzminister und Bank-Boß, als eine Art von Djakarta-Dahlgrün und Indonesien-Blessing, gedient, als ein unabhängiger Mann der Mitte.

Einen Steinwurf weit vom Bundeshaus entfernt residiert der Vertreter Achmed Sukarnos. Vor der Jahrhundertwenden-Villa in der Drachenfelsstraße ruht sich die rot-weiße Flagge im Herbstnebel aus. Das Landeswappen neben dem Eingang zeigt mehr Symbole, als einem stilsicheren Heraldiker lieb sein kann: Da ist zuerst ein großer Vogel aus dem Geschlecht der Adler; sodann ein fünfzackiger Stern, der an Gott und die Grundweisheiten der indonesischen Staats- und Lebensphilosophie erinnern soll; schließlich Tiere und Pflanzen des Landes: der Stier, der das Nationale symbolisiert, ein Baum steht für Demokratie, Reis und Baumwolle bezeugen soziale Gerechtigkeit, und in der rechten unteren Ecke des Wappens soll eine Kette für Humanismus und Internationalismus sprechen. Diesem symbolträchtigen Schild ist zum guten Schluß der Satz aufgeprägt: Bhinneka Tunggal Ika – Einheit in der Verschiedenheit.

Was die neuesten Stürme über Indonesien betrifft, so erging es dem Botschafter nicht besser als irgendeinem Studenten oder Praktikanten: Er wußte nicht mehr, als in den Zeitungen stand oder von Radio und Fernsehen verbreitet wurde, und das erschien ihm fürs erste kaum glaubhaft.

„Wie lange mußten Sie ohne authentische Informationen aus Djakarta sein?“

Lukman Hakim gibt zu, daß er immerhin drei lange, bange Tage ohne direkte Verbindung mit der indonesischen Hauptstadt war. In diesen drei Tagen haben die Funkleute seiner Botschaft alle nur denkbaren Umgehungsversuche unternommen, um drahtlos möglichst nahe an den Herd der Ereignisse heranzukommen. Der Botschafter hat mit diplomatischen Vertretungen seines Landes telephoniert, mit den Missionschef in Manila und Tokio. Besonders Japans Hauptstadt hat sich in der Krisenphase als besonders aktiver Nachrichtenumschlagplatz erwiesen. Doch überall erfuhr er mehr Ungewisses als Gewisses. So war für ihn tagelang das Dilemma ebensogroß wie die Besorgnis seiner Landsleute: Man erwartete von ihm Informationen. Diese Lage war doppelt schmerzlich, weil bei den Indonesiern Heimatgefühl und Familiensinn hochentwickelte Tugenden sind.

Ein verwegener Vergleich macht klar, wie diesen Menschen aus dem fernen Inselreich in diesen Stunden der Ungewißheit zumute gewesen sein mag: Etwa so wie einem Deutschen, wenn er in Java durch eine Antara-Meldung über Radio Djakarta erführe, einige Bundeswehrgenerale seien von putschenden Parteifanatikern ermordet worden, zwischen der Armee und dieser Partei seien harte Machtkämpfe im Gange, die Luftwaffe verhalte sich unentschieden, eine radikale ausländische Partei habe den Putschisten Waffen geliefert, der Regierungschef sei entweder getötet oder mundtot gemacht worden, der Außenminister sympathisiere mit dem Staatsstreich, und der Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte habe bei einem Attentat zwei seiner Kinder verloren.