on der Wirkung des Kunstwerks auf den Körper abzusehen, ist Usus — und es ist ärmlich. Nur die Mobilisierung der Beinmuskeln, die zum Marschieren benötigt werden, ist anerkannt. Und dann gibt es eben die Reizung der unfeinsten Organe. Ihre literarische Stimulierung aber nennt man Pornographie. Wie steht es da mit Robert Goven "Ein Hundertdollar Mißverständnis" (Originaltitei: "One Hundred Dollar Misunderstandmg"), Roman, aus dem Amerikanischen von Hans Wollschläger; Rowohlt Verlag, Reinbek; 256 S, 18 50 DM? Dieser amerikanische Roman reizt die Lachmuskeln, geht auf die bittere Galle, bringt in Harnisch. Da kommen nun die Gutachter und antworten auf die Fragen: grobsinnlich? feinsinnlich? Die Fingerkuppen der Uhrmacher sind feinsinnlich. Wahrscheinlich reagieren sie nicht, wenn sie Grobes zu fühlen bekommen. Kapitel l, 3, 5 und so weiter gehören dem neunzehnjährigen Erzähler Jimmy, einem Collegestudenten, der gerade in Biologie, Psychologie und Französisch durchgefallen ist. Kapitel 2, 4, 6 und so weiter gehören der vierzehnjährigen Erzählerin Kitten, "einer (farbigen!) Dame von übler Reputation". Die Geschichte ihrer kurzen Affäre (hier und da zu langsam vorgetragen, auch ein bißchen klipp klapp, nachdem der originelle Einfall abgebraucht ist) wird in Fortsetzungen mitgeteilt: nach der Exposition werden dieselben Ereignisse zuerst auf "kittensch" berichtet, dann in der Sprache (sagen wir) von Professor Unrat junior. Die Kapitel der geraden und ungeraden Nummern liefern einander ein sprachliches Duell. Zwischen den beiden Duellanten gibt es weder Verständnis noch Mißverständnis. Sie fechten gegen Unbekannt.

Er ist der. Sohn von Paps, einem "Vorsitzenden des Vereins zur Bekämpfung unzüchtigen Schrifttums". Sie ist mit den Regeln des American Way nicht vertraut und wird wild, wenn Jimmy ihr den eigenen Weg verstellt. PygraHcis Zähmung der Widerspenstigen gelingt nicht.

Er hat sie in einem "Negerhaus von üblem Ruf kennengelernt und kann mit seinen Skrupeln nur so fertig werden, daß er die "kleine Eskapade" teils verurteilt, teils großartig illuminiert. Er verbringt in ihrer Wohnung ein Weekend, genießt und ideologisiert. Sie aber will von ihm auch den (von Großmama zum Geburtstag gesandten) Hundertdollarscheck; denn der Mensch lebt nicht vom Höheren allein. Und sie muß Rücksicht üben, denn sie will ihn als "Dnuergescbäft", eine Art von professioneller Monogamie ihrerseits.

Es geht hier nur im Vordergrund um money; vor allem geht es um Schwarz und Weiß, um Verbildung und Unbildung, um ein nicht gerade hochgezüchtetes, aber solides Geschöpf und die Fabrikware der Kultur. Ein konzentrierter Realismus (der bewundernswert nah herankommt) bringt zwei alte Gegner zum Leben, zur Typologie und zur Gesellschaftskritik. Wie groß doch die Zukunft des Realismus ist! Seine unmittelbare Reaktion: Er ist sprachlos. "Mein ei st ei Gedanke war: Ich kann doch meiiin Obren nicht trauen! diese Sprache!" Die andeie, seine Sprache, das von Paps und im College erlernte Amerikanisch, wird ihm Wehr und Wappen. Seinen ersten Scheinsieg erringt er über das Fremde des "verderbten Jargons", das, Kauderwelsch" Der junge Tugendbold, ausgestattet mit dem Hochmut der Seinen, gerät in demütigende Situationen, in die ihn nicht nur die Gesprächspartnerin bringt, die seine lahmen Sätze großartig überrollt Noch demütigender ist c e aktionsträchtige Kabbelei ums Geld; übrigens eine ziemlich einfallslose Story, aber das macht nichts. Am demütigendsten ist, daß er sich ihre Überlegenheit in dem Sektor, wo sein manilicher Stolz in Frage steht, nicht ganz verheinlichen kann.

Seme vielfältige Defensive ist pompös. Ehe große Hilfe ist die Soziologie. Kitten ist eben "ein Sproß sudst tätlicher Sklaverei vnd (in ihrem Raffinement, wenn sie das Normale peivertiert) nun einmal mehr in Sklaverei". Schließlich operiert er, der nicht ahnt, wie versklavt er Ist, mit Hegels berühmter Herr undKnecht Kategorie. Auf amerikanischen Universitäten steht die Philosophie des deutschen Idealismus seit hundert Jahren hoch in Ehren. Wahrscheinlich hat der Student in dem obligaten Anfangskurs "Man and Civilization" davon gehört.

Wenn seine Interpretation nicht mehr ausreicht, kommt es zu weniger subtilen Selbstverklärongen. Schließlich ist er ins Negerhaus gegangen, "um Ermittlungen anzustellen"; wie Paps genötigt ist, im Auftrag seines Vereins solche Orte zu inspizieren. Auch werden dem Jüngling diese peinlichen Erfahrungen "im späteren Leben durchaus zustatten kommen", Plant er eine Dissertation über die Entfremdung farbiger Mädchen von schlechter Reputation? Gewandt verstellt er sich jeden Blick auf sich. Das ist nicht Heuchelei, die ist selten; es ist die üblichere Verlogenheit, ahnungslose Heuchelei. Er macht muntere Erfahrungen — und ist gegen sie geimpft durch sein Vokabular. Er ist ein Paradigma des illiberalen Liberalen, viel gefährlicher als irgendein Mucker. Hingerissen vom kleinen, nie alternden Gott und im Widerstand gegen ihn, unterstreicht er eifernd, daß er nicht "prüde" ist. Ebenso aufrichtig brüstet er sich mit seiner Unbefangenheit: "Vor mir sollen alle Menschen gleich sein, ohne Ansehen ihrer Rasse, Farbe oder ihres Glaubens Dann schimpft er das Negro giil "kommunistisch", eine "Bohemienne", eine "Beatnik", eine Protegee der Mafia — vier Synonyma, vier Chiffren einer einigen Ängstlichkeit: vor Eva, der dunklen Haut und der anrüchigen Profession. Seinein Erlebnis setzt er entgegen: "Ich bin normal", natürlich, gesund. Damit ist er wieder im Gleichgewicht. Er ist das Modell einer nichtjugendgefährdeten Jugend.

Nur von Kitten erfahren wir, was sich an jenem Wochenende tat. Sie ist nicht im Besitz der Phraseologie, die alles vernebelt. Sie braucht kein Selbstmißverständnis. Sie sieht ihrem "Kollitsch Hemi" belustigt zu, ist auch verblüfft, bisweilen ungeduldig. Ihr Fazit: "Massich 3ocj und nutdc i Mumm Fin Irrtum und (in den letzten beiden Worten) von großartiger Präzision.