Fast vier Wochen sind seit der Wahl vergangen, und der Kampf um das neue Bundeskabinett ist immer noch im Gange. Das ist Grund genug für die vielen Kritiker Erhards, ihm vorzuwerfen, er sei ja eben doch nicht hart genug, er verstehe eben doch nicht, sich durchzusetzen. Dies ist einer der seltenen Fälle, wo sie ihm Unrecht tun. Diesmal liegt’s wirklich nicht an ihm. Adenauer hat 1953 und 1957 – damals noch in der Maienblüte seiner Kanzlerjahre – mehr als sechs Wochen gebraucht, bis er sein Kabinett unter Dach und Fach hatte. Von 1961 ganz zu schweigen.

Das Wahlrecht der Bundesrepublik sorgt nicht wie in England dafür, daß eine Partei als unumstrittener und alleiniger Sieger aus der Wahlschlacht hervorgeht; deshalb hat es auch wenig Sinn, daß deutsche Kanzlerkandidaten ihr Kabinett schon vor der Wahl aussuchen. In der Bundesrepublik wird vor allem nach der Wahl gekämpft: um das Kabinett und um die Richtlinien, die der Kanzler erlassen darf. Daß es dabei nicht immer fein zugeht, verstört manchen wackeren Bürger, der sich mehr Harmonie, mehr Einigkeit und weniger Konflikte wünscht. Er vergißt dabei freilich, daß prästabilierte Harmonie nur in Utopia herrscht und dekretierte Einigkeit eine freundliche Umschreibung von Meinungsterror ist. Wo Konflikte öffentlich ausgetragen werden, gedeiht die Demokratie immer noch am besten.

Insofern darf man Strauß, Adenauer und Guttenberg, die jetzt in einem verspäteten Wahlkampf die Außenpolitik und Deutschlandpolitik der Regierung Erhard angreifen, durchaus bescheinigen, daß sie sich um die Demokratie verdient gemacht haben – und sei’s nur aus Versehen. Es ist auch so schrecklich nicht, daß sich in der Union verschiedene Richtungen zeigen. Das muß eine Volkspartei ertragen können. Die beiden großen englischen und amerikanischen Parteien ertragen es, die beider, großen deutschen Parteien allerdings haben immer noch ein schlechtes Gewissen, wenn gestritten wird.

Wenn sich freilich die Streitenden auf das Votum der Wähler berufen, so ist das ein frommer Selbstbetrug. Diskutiert wird ja vor allem um Außen- und Deutschlandpolitik – und die stand 1965 nicht zur Wahl, weil die meisten Politiker die kontroversen Themen stillschweigend aus dem Wahlkampf ausgeklammert hatten. Wer jetzt nachträglich erklärt, seine außenpolitische Konzeption sei bestätigt worden, kann nur Mutmaßungen anstellen. (Umfrageergebnisse sprechen eher dafür, daß Schröders Linie populär ist.) Eindeutig bestätigt wurde in diesem Wahlkampf nur Ludwig Erhard; von ihm aber ist an richtungweisenden außenpolitischen Erklärungen nicht mehr erinnerlich als die wiederholte Versicherung, er werde redlich und vernünftig sein. Und dem kann füglich niemand widersprechen.

Wer sich jetzt um die Außenpolitik streitet, tut’s also nicht im Auftrag des Wählers, sondern weil ihn das Spiel um die Macht reizt, oder weil er glaubt, nur seine Politik könne das deutsche Volk vor Schaden bewahren. Konrad Adenauer darf man getrost beide Motive unterstellen; Ludwig Erhard und Franz Josef Strauß wahrscheinlich nur eins, allerdings nicht das gleiche.

Das Merkwürdige an diesem Streit aber ist, daß Adenauer und Strauß, die in der Bundesrepublik als legitime Erben des Florentiner Politologen Macchiavelli gelten, ihrem politischen Stammvater so wenig Ehre machen. Nicht zuletzt ihrem unablässigen Drängeln und Drücken ist es zu verdanken, daß Erhard gar keine andere Wahl mehr hat, als sich vor Schröder zu stellen. Daß sich auch der Bundespräsident und Springers Blätter auf die Anti-Schröder-Front schlagen, macht die Sache nicht besser. So von den Gegnern gestellt, bleibt Erhard nichts anderes übrig, als Mannesmut und Gefährtentreue zu zeigen – obwohl ihm anfänglich das Herz vermutlich gar nicht so sehr danach stand.

Welch eine groteske Fehleinschätzung zu glauben, man könne dem Kanzler, immerhin dem einzigen Sieger dieser Wahl, durch harte Drohungen einen Minister aus dem Kabinett schießen. Strauß und Adenauer haben Erhard vor die Alternative gestellt, entweder Schröder zu halten, oder als Kanzler, der die Richtlinien der Politik bestimmt, abzudanken. Indem sie beide die Entscheidung über Schröder auf das Gebiet des Grundsätzlich-Moralischen rückten, nahmen sie Erhard jede Möglichkeit, nachzugeben. Den Kanzler kann man zwar durch Nörgeln und Drängeln im politischen Alltag erheblich irritieren, wo es aber ums Grundsätzlich-Moralische geht, wächst er zur vollen Größe seines Selbstgefühls. Einen solch guten Kampf zu kämpfen, ist ihm bislang selten vergönnt gewesen. Man sollte deshalb den außenpolitischen Frondeuren in der CDU/CSU dankbar sein: Ihrem vereinten Ungeschick kann es am Ende noch gelingen, sowohl Schröder als auch Mende im Amt zu halten.