2(Die Literatursoziologie, nach dreißig Jahren wieder hoch im Kurs, hat einiges (um einen französischen Moralisten zu variieren) mit der grande passion gemein: Jeder spricht von ihr, aber gesehen hat sie kaum einer.

Das Unglück will, daß das eine Wort die geschlossene Einheit einer wissenschaftlichen Disziplin vortäuscht, die noch zu beweisen wäre; anstatt Literatursoziologie in einem Zug zu schreiben, sollte man, aufrichtiger, nicht nur einen Bindestrich zwischen Grund- und Bestimmungswort setzen, sondern jenes Zeichen, mit dem die Mathematiker das Unendliche andeuten. Wie anders? Die alte Literaturwissenschaft hat ihre dreihundertdreiunddreißig Methoden entwickelt; und die blutjunge Soziologie will ihr nicht nachstehen. Wie sollte eine solche Liaison ihre problematischen Reize und unzähligen Gefahren entbehren? Jedenfalls war es an der Zeit, über die fast inkompatiblen Vereinigungen und Mischungen nachzudenken, und genau das geschieht in einer sehr unterrichtenden Arbeit Hans Norbert Fügen: "Die Hauptrichtungen der Literatursoziologie und ihre Methoden"; H. Bouvier Verlag, Bonn; 215 S, 24 — DM. Fügens Arbeit setzt sich das willkommene Ziel, die falsche Einheit aufzulösen und die ambivalenten Möglichkeiten, die das eine Wort täuschend verdeckt, ans Licht zu bringen und uns so aufzuklären; um so besser, daß dies, in der Epoche des akademischen Tomus, am schlanken Holze einer Mainzer Dissertation sichtbar wird, in der sich ein jüngerer Autor als nüchterner Denker und informierter Kenner der Ideengeschichte vorstellt.

Fügen unterscheidet drei Blickrichtungen der Literatursoziologie und trifft nützliche "Trennungen" im Sinne Lessings — nützlich vor allem in Deutschland, "wo es (wie Fügen trocken bemerkt) weniger an Sympathien für diese Betrachtungsweise als an einer Kenntnis der zugrundeliegenden Prinzipien ermangelt und jedenfalls die Neigung nicht zu übersehen ist, die marxistische Literaturbetrachtung für Literatursoziologie zu halten" (dem Nachtstudio mitten ins Herz).

Fügens Trennungen scheinen mir ebenso fundamental wie förderlich: Da ist (erstens) das "sqzialliterarische" Verfahren, das die studiert, um, individualisierend und den neugierigen Blick zuletzt auf das Kunstwerk gerichtet, das einzelne der literarischen Arbeit besser zu begreifen; da ist (zweitens) die "literatursoziologische" Methode, die Bücher liest (seis Homer oder Kitsch), um, in fortschreitender Verallgemeinerung, typische Abläufe in der Entwicklung der Gesellschaft zu klären; da ist zuletzt, aber nicht als letzte, die marxistische Literaturbetrachtung, die vor jede Lektüre ihren Marx und Hegel setzt und so durch Marx und Hegel und das einzelne Kunstwerk hindurch das revolutionäre Auge auf ehe zu verändernde Gesellschaft richtet; nur, furcht ich, saugt sie gelegentlich ihre Kenntnisse der modernen Gesellschaft gerade aus jenem Daumen, mit dem sie eben die "Philosophisch ökonomischen Manuskripte" oder Hegels "Ästhetik" durchblätterte. Fügen entschuldigt sich nicht mit Neutralität und nimmt entschieden für Methode eins Partei — man folgte ihm gern, wenn es genügte, die Methode über die widersprüchliche Praxis zu stellen. Aber was tun, wenn selbst der orthodoxe Lukacs, malgre lui und Methode drei, tiefere Einsichten in Scott oder Balzac eröffnet als der Sozialliterat (Methode eins), dem sie programmgemäß zuständen? Die bedeutendste Tugend dieser Arbeit i<t in ihrer weltliterarischen Orientierung, in ihrem weitgespannten Horizont zu entdecken. Fugen begnügt sich nicht mit provinziellem Methodenstreit; indem er die Geschichte der literarscziologischen Bestrebungen skizziert, sagt er ebensoviel Treffendes von Herder wie von de Boiald (dem eigentlichen Propheten der Literaturscziologie aus dem Geiste der Restauration), ninmt seinen Weg zwischen Goethe und Madame de Stael, zitiert die von der deutschen Universität systematisch mißkannten russischen Kritiker Belinskij und Lunatscharskij und gibt genaue Auskunft über die modernen Franzosen und Amerikaner.

Dennoch will ein Einwand erhoben sein. Fügens Kritik der marxistischen Literaturbetrachtung ist nicht unangemessen, aber antiquiert, denn sie polemisiert gegen die zerstörten Windmühlen des sozialistischen Realismus. In der Epoche des Polyzentrismus hat sich die marxistische Literaturbetrachtung auf das lebhafteste nuanciert und zu einem intellektuellen Polyenisnjus ejgener Art entfaltet; es ist un möglich, sie noch ganz mit jenen Polizeiregeln in eins zu setzen, die selbst der innere Emigrant Lukacs in der Epoche des Stalinismus verteidigen zu müssen glaubte. Gegen Basis und Überbau, gegen Parteilichkeit, gegen die "monokausale Determination" zu polemisieren, scheint mir heute ein wenig verlorene Mühe; die notwendigere, weil zeitgenössische, Polemik hätte sich jetzt gegen eine "linke" Theorie zu richten, die jeder naiven Stoffhuberei energisch zu "entsagen im Begriffe steht und Genus Struktur und Form ebenso ernst nimmt wie ihre philologisch gesinnten Widersacher: Ich meine den spätesten Lukacs; Lucien Goldmann; Hans Mayer, der offene Fragestellungen fordert; Adorno, der Gesellschaftliches in der Struktur zu suchen beginnt; Ernst Fischer, der einem freien Kunstenthusiasmus das Wort spricht. Diese neuere Literaturbetrachtung, die sich an gewissen Motiven aus Marx Schriften, nicht mehr an einem System orientiert, provoziert den Literaöitjareund nicht mehr mit dem Hammer, sondern mit feinen Präzisionsinstrumenten; und mcijts wäre widersinniger, als die notwendige Auseinandersetzung unters Niveau zu schrauben oder tote Hunde zu schlagen.

In anderem ist Hans Norbert Fügen selbst dem Interessiertesten voraus; er kennt natürlich auch die amerikanische Originalausgabe einer Sammlung von Aufsätzen, die dem deutschen Leser, m guter Übersetzung, eben zugänglich wurde — Leo Löwenthal: "Literatur und Gesellschaft" — Das Buch in der Massenkultur, aus dem Englischen von Tobias Rülcker; Luchterhand Verlag, Neuwied; 284 S, Ln. 19 80 DM, brosch. 11 80 Das "und" im Titel meint die Blickrichtung; von der Literatur ("handle es sich dabei um Kunst oder nicht") auf die Gesellschaft hin, also Methode zwei. Vom Autor selber wird sie als "geisteswissenschaftlich orientierte LiteraturSoziologie als Teil einer Kultttrsoziologie" bestimmt. Aber es bedürfte des Hinweises auf "Geisteswissenschaft" und "Kultur" gar nicht: Hier ist mit der Klassifikation nicht viel gewonnen, Geist und Fakt, deutscher Historismus und amerikanische Geschichtskühle, Idee und Erfahrung sind gegeneinander gespannt. Als Soziologe ist Leo Löwenthal, zu uraserm Glück, nicht der Forscher "einer unzweideutig abgegrenzten Disziplin": Er hat m den zwanziger Jahren in Deutschland Gesellschafts- und Literaturwissenschaften studiert; war, m den frühen dreißiger Jahren, unter den Pionieren der Zeitschrift für Sozialforschung und bald darauf, als der Faschismus die Soziologie zerstörte, unter jenen Flüchtlingen, die die Methoden der amerikanischen Soziologie als fruchtbare Herausforderung akzeptierten.

So streiten vielfache Neigungen und methodologische Verfahren in den zeitlich getrennten Elementen dieser Aufsatzsammlung: eine sehr deutsche Neigung, gegen die nur pragmatische Forschung zu polemisieren (und damit, hier und heute, der deutschen Literatursoziologie einen Bärendienst zu leisten); eine fast idealistische Konzeption der Massenkultur; genaue Kenntnisse ideologischer Entwicklungen; und die selbstverständliche Beherrschung des "amerikanischen" Handwerks in der Untersuchung der Kommunikationsindustrien. Sinnbildlich fast, innerhalb des einen Buches, der innere Widerstreit einer modernen Literatursoziologie an sich. Ich muß bekennen, daß ich die historischen Kernkapitel mit dem bedeutendsten Gewinn gelesen habe. Löwenthal weiß die Diskussion über Massenkultur, außerordentlich instruktiv, bis in den Zusammenbruch der Feudalität zu verfolgen. Die implizierten Begriffe von Kunst und Konsumware — das ist eine ganz andere Frage. Ich hege den Verdacht, Löwenthal hole seine Normen der Kunst und der Unkunst aus der Psychologie des Autors oder aus den wünschenswerten moralischen Reaktionen der Leser oder Konsumenten: die "Kunst" also Einsicht und Wahrheit fördernd und vertiefend; spontan; in Einsamkeit geschaffen und in Einsamkeit empfunden; kathartischer Wirkungen mächtig, "auf dem Sprung zur Tat"? Und, im Kontrast, die "Konsumware": aus kollektiven Apparaten kommend und in Gemeinschaftsempfindungen mündend; wiederholend, nicht spontan; Komformismus ohne mögliche Katharsis; auf dem Sprunge zur Flucht vor jeglicher Verantwortung. Schwierig, wenn das ein Werk (seis Dickens oder Shakespeare) die Wünsche der einen, aber auch die Instinkte der anderen befriedigt, der soziologischen Theorie ein Ärgernis? Oder aktueller gefragt: Zählt eine Feature Sendung, die Alfred Andersen für den Rundfunk schreibt, zur Massenware — schlägt sie in Kunst um, sobald er sie für den Merkur revidiert? Nichts gegen eine Soziologie offener oder verhüllter moralischer Interessen, aber ich wehre mich gegen eine Wissenschaft, deren berechtigte moralische Sorge zu einer moralistischen Mäkelei an der Literatur degeneriert: "jede der drei Frauen", meint Leo Löwenthal ein wenig säuerlich von Gretchen, Emma Bovary und Anna Karenina, "lebte sie heute, sie (müßte) als alberne frustrierte Neurotikerin angesehen werden, die sich gefälligst eine Arbeit suchen oder in psychiatrische Behandlung begeben sollte, um sich von ihren Einbildungen und Hemmungen zu befreien Arme Emma! Ich wehre mich gegen eine Literatursoziologie, die einen Text anrührt und den Marmor rasch in Lehm verwandelt. Löwenthal untersucht, Wort für Wort, die Eingangsszene zu Shakespeares "Sturm": Was ist das Ergebnis? "Die Schurken repräsentieren die im Niedergang befindliche Feudalität, die nichts anderes im Sinne hat, als ihre ererbten feudalen Vorrechte zu genießen. Sie haben nichts gemein mit Prospero, Gonzalo und den einfachen Arbeitern (!), deren Handlungen und Ideen die Eigenschaften des bürgerlichen Individualismus und der bürgerlichen Tüchtigkeit vorausnehmen Der romantische "Sturm"! "Ganz aus Kunst erregt" (Strachey) — und wir sollen ihn deshalb rühmen, weil wir darin Auskünfte über die vergangene Zukunft der bürgerlichen Klassen Englands (die wir aus wissenschaftlich gesicherteren Dokumenten kennen) zu lesen vermöchten? Ist Shakespeares Theaterstück nichts als ein Pack gezinkter Karten? Ich glaube, jede Literatursoziologie sollte eine einzige minimale Forderung erfüllen — sie mag dabei verfahren wie sie will, Methode eins, zwei oder drei; sie mag zuletzt auf das Kunstwerk blicken oder auf die unvollkommene Gesellschaft. Die entscheidende Frage ist, wie sie selber ihre gesellschaftliche Aufgabe erfüllen will, ohne die Sensibilität des einzelnen Lesers abstumpfend zu mindern. Einer Gesellschaft von Stumpfen und Dumpfen wird auch die klügste Soziologie nicht mehr von Nutzen sein.