Von Horst Vetten

In Zimmer 576 des Palace Hotel zu Madrid saß Willi Daume auf dem ungemachten Bett. „In dieser Situation“, sagte er, jedes Wort wägend, „in dieser Situation ist die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees das Optimum an Erreichbarem gewesen.“

Im Kuppelsaal des Hotels saßen hinten rechts die DDR-Sportchefs: Manfred Ewald und Dr. Schöbel. „Ein wahrhaft olympischer Entschluß“, pries Dr. h. c. Schöbel die Entscheidung des IOC, „unser Hauptziel ist erreicht; die Sportler beider deutschen Staaten brauchen nicht mehr die unmenschlichen Ausscheidungskämpfe zu bestreiten.“

Diese beiden Äußerungen, registriert am selben Ort, zu derselben Stunde und zum selben Thema, ähnelten dem Verhalten von Wahlkämpfern nach der Auszählung. Lauter Zufriedene? Lauter Sieger?

„Ich überlasse es Ihnen“, antwortete der Chef des DDR-Sportbundes, Manfred Ewald, unter beifälligem Gelächter seiner Begleiter, auf die behutsame Frage des Berichterstatters, „ich überlasse es Ihrer Beobachtungsgabe, herauszufinden, wessen Zufriedenheit echt und wessen Zufriedenheit gespielt ist.“ Schöbel, rethorisch weniger gewitzt, wich zweimal der Frage aus, ob ihn die Entscheidung des IOC – zwei deutsche Mannschaften mit einer Fahne, einer Hymne und einem Emblem, die eine als „Deutschland“, die andere als „Ost-Deutschland“ – wunschlos glücklich stimme. Beim drittenmal sprang ihm Ewald bei: „Wir sind in diesem Augenblick so von einem Gefühl der Freude erfüllt, daß wir über Details und Verfahrensfragen noch nicht nachgedacht haben.“

Rechnet man die gegensätzlichen Äußerungen gegeneinander auf, so ergibt sich tatsächlich, daß jeder recht hat: Jeder hat ein Optimum des Möglichen erreicht, nur war das Optimum der westdeutschen Seite von vornherein geringer.

Die Position des westdeutschen Streiters Willi Daume war bereits schlecht, als er in Madrid anlangte. Sie verschlechterte sich am ersten Sitzungstag so sehr, daß er abends erschöpft vor die am Schlüsselloch des Verhandlungssaales lauernden Journalisten trat und bekümmert feststellte: „Ich bin da drin eine unpopuläre Figur.“ Zwar waren die meisten der olympischen Patriarchen aufgestanden und hatten der gemeinsamen deutschen Mannschaft die übliche Liebeserklärung zu Füßen gelegt. Aber nur wenige waren bereit gewesen, klipp und klar zu erklären, sie würden diese Zuneigung auch auf den Stimmzettel übertragen.