ie Situation ist nicht alltäglich: Em deutscher Literat, noch jung, doch als KafkaForscher schon seit Jahren weit und breit bekannt und geschätzt, Klaus Wagenbach also, war kühn genug, sich auf eine Sache einzulassen, die ihn Kopf und Kragen kosten kann Er hat, wie man weiß, m Westberlin einen Verlag gegründet, der ausschließlich ambitiöse neue Literatui, zumal deutsche aus Ost und West, auf den Markt bringen soll Was wird daraus werden — eine mächtige Pleite oder eine wichtige Institution des literarischen Lebens Kann sich heute ein kleiner, ehrenwerter Verlag halten, ein Haus — in diesem Fall sind es vermutlich nur zwei Zimmer - — , das über geringe Mittel verfugt, das keine Taschenbucher oder Kriminalromane produziert, das auf ausländische Bestseller verzichten muß und auf Pornographie und Schund verzichten will, das weder Schulbucher noch Steuertabellen druckt, das weder von der Industrie noch von einer Bonner Instanz oder sonstigen offiziellen oder offiziösen Geldgebern Unterstützung erwarten kann Wird dienet Verlag Klaus Wagenbach existieren können, ohne Zugeständnisse zu machen, ohne !>ich wenigstens ein bißchen zu prostituieren Ich gebe zu, ich weiß es nicht Aber ich weiß, daß diese Frage uns, die wir die Literatur brauchen und ermöglichen wollen, nicht gleichgültig sein daif Der Umstand, daß Wagenbach dies und jenes Lobliche anstrebt, verspiicht und ankündigt, scheint mir dabei nur von zweitrangiger Bedeutung Denn ich habe noch nie von einem deutschen Vei leger gehört, der etwas anderes im Sinne hatte als die Forderung der Kunst und Wissenschaft und die Veibieitung des Geistes, also den Dienst an der großen Sache Auch diejenigen, die Schund edieren, wollen bekanntlich immer nur dem Schonen und Wahren nutzen Wagenbach begann ebenfalls mit feierlichen Verlautbarungen und nicht unbedingt glucklichen Interviews, in denen er zu verstehen gab, daß die fühlenden bundesrepublikamschen Verlagshauser zweifelhafte und anrüchige Etablissements seien Sich selber hingegen präsentierte er in jungfräulicher Reinheit Ich wollte damals eme Glosse über dts Ihema "Klaus Wagenbach und die Jungfraalichkeit" schreiben, ich habe es schließlich nicht getan, und zwar emeiseits aus Rücksicht auf das Familienleben des jungen Verlegers und andeieiseits wegen der GoetheMaxime "Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Taten sehn " Und die kann man jetzt sehen sechs "Quarthefte", die im Frühjahr erschienen sind, drei weitere Hefte (mit Versen des Westberliner F C Delius und der Ostberlmer Hermlm und Biermann), die gerade m diesen Tagen ausgeliefert werden, einen stattlichen Band mit dem Titel "Kafka S mponon" und endlich und vor allem das bisher bedeutendste editorische Unternehmen Wagenbachs, den "Atlas" Natürlich sind die einzelnen Veröffentlichungen von unterschiedlichem Wert. Und nicht alle scheinen mir gelungen zu sein. Auch wurde ich lügen, wollte ich sagen, daß ich zu dar Sie ei geben bereits eine reale und konkrete verlegeiische Leiitung Wes Geistes Kind Wagenbach ist, das hatte ei mit seinen eigenen literarischen Arbeiten und als Lektor des S Fischer Verlages langst gezeigt Mit den elf Veröffentlichungen vermochte er inzwischen davon zu überzeugen, daß er es als Verleger nicht weniger ernst meint. Auch jetzt, da er alles, was er hat, aufs Spiel setzt, geht es ihm offensichtlich und tatsachlich um die Litelatur Daher hat es dieser Verlag voll und ganz verdient, daß er unterstutzt wird: von der Offen thchkeit, vom Buchhandel, von den Lesern. Ein Buch für Leser, freilich vor allem für Gourmands, stille Genießer und Literaturkenner ist auch dieser "Atlas", zusammengestellt von deutschen Autoren; Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 320 S , DM.

Das Wort "Geographie" habe bei den alten Griechen — erinnert uns Wagenbach m der kurzen Einleitung — sowohl beschreibende Landelkunde als auch spekulative Welterklarunrung bedeutet In diesem Sinne wollte er einen von deutschen Autoren der Gegenwart verfaßten Atlas vorlegen, "der nicht von Bevolkerungszahlen ausgeht, sondern von Bewohnern, der Zeichenerklärungen wörtlich nimmt, der nicht Höhenunterschiede vermerkt, sondern Unterschiede m Bewußtsemslagen und Verhaltensweisen" Hier muß ich lasch eine Fußnote einschalten und für Fremdlinge zwei Worte aus dem Bundesrepublikamschen ms Deutsche übersetzen: Bewußtsemslage" heißt soviel wie Bewußtsem und "Verhaltensweise" soviel wie Verhalten. Die aufgeforderten Schriftsteller sollten m den "Atlas" etwas eintragen, was Wagenbach — statt es oidentlich auszudrucken — mit Hilfe von Anfuhrungsstuchen andeutet: nämlich "ihren" Oit Der Emfall ist ausgezeichnet, aber das Buch leidei nicht so gut, wie es sein konnte Warum Weil der Vei leger Wagenbach selber den Herausgeber gespielt hat Das mußte zu Komplikationen fuhren und im Ergebnis die Qualität des Ganzen beeinträchtigen Manche Autoren haben für den "Atlas" schwache Beitrage geliefert oder ihrem Editor geradezu Abfalle ms Haus geschickt Reste erwertung ist ja m unserem Gewerbe sehr beliebt Wozu die Mullabfuhr mit Manuskripten überlasten, wenn man sie m einer Anthologie untei bringen kann Dei Herausgeber Wagenbach hat naturlich die Qualität dei fragwürdigen Texte eikannt. Vermutlich hat er ebenso deutlich gesehen, daß manche Beitrage dem Thema nicht entsprechen Der junge Verleger Wagenbach hingegen wollte Konflikte mit mehr oder weniger bekannten Schriftstellein vermeiden Im Duell zwischen der Herausgeber- und der Veilegerseele scheint immer die letzte gesiegt zu haben Und was für einen Ausweg aus der Misere findet schließlich der listige Wagenbach Er erklart im Vorwoit kurzerhand, dieses Buch habe ubeihaupt keinen Herausgeber Mit Veilaub- so sieht es auch aus Was kam, wurde genommen und gedruckt (Übrigens sehl schon gedruckt Die Ausstattung des Buches mit vielen Planen, Zeichnungen und Grundrissen, ist vorzüglich) Insgesamt haben dreiundvierzig Autoren Gedichte und Pro$astucke beigesteuert Die Beitrage von rund zehn Autoren waren für eine Veröffentlichung überhaupt nicht geeignet oder höchstens für die Wochenendbeilage eines "Miesbacher Generalanzeigers" in der Zeit der sauren Gurken Die Beitrage von etwa zehn weiteren Autoren sind brav und mittelmaßig, ein bißchen langweilig und ziemlich überflüssig Aber es bleibt noch ein Rest, der also gut die Hälfte des Bandes ausmacht Und das sind höchst lesenswerte und m einigen Fallen sogar meisterhafte Prosastucke und Verse Im Resultat enthalt der "Atlas" genug, um ihn dringend empfehlen zu können Wovon berichten deutsche Schriftsteller unserer Zeit, wenn sie sich über den Ort äußern sollen, der für sie aus irgendwelchen Gründen besondeis wichtig ist In einem der ersten Beitrage ei zahlt Siegfried Lenz ein Jugenderlebnis aus seiner masunschen Heimat Ganz harmlos und munter hebt es an "Natürlich soll alles leicht und schlank sein beim Eis Segeln, und so hatten wir Sperrholz für die Sitze genommen Bambus für den Mast, und als Segel zogen wir eine rote Leinwand auf die stand für nettes Wagnis und Gefahr " Am Ende wird der Ich Ei Zahler vom Schlitten abgeworfen, wahrend sein Freund m die nicht zugefrorene Flußmündung rast Die letzten Satze "Das Segel flattert nur mäßig, neigte sich tief und tiefer Es verlor sein Rot Es wurde schwarz vor Nasse, noch bevor es flach und erstaunlich langsam ganz niedergedruckt wurde " Über den Ort seiner ersten Begegnung mit dem Tod schreibt also Lenz Und aus dem du steren Akkord, den er anschlagt, entwickelt sich m dem "Atlas" ein acherontisches Ostmato Denn dies sind die Motive des Buches Vertreibung und Flucht, Exil und Heimatlosigkeit, Mord und Krieg, Zerstoiung und Untergang, der Tod und die Toten Ein deutschei Atlas, m dei Tat Ein Toter eröffnet das Buch Johannes Bobrowski Semem Andenken ist es gewidmet Doch war sein Beitrag für den Anfang vorgesehen, als der Dichter der "Sarmatischen Zeit noch lebte, weil der Band, wie es sich für einen Atlas gehört, nach geographischen Gesichtspunkten geordnet ist. Ei beginnt also im Nordosten mit Bobrowskis Königsberg und geht dann m westlicher und sudlicher Richtung über Danzig, Berlin, Hannover, Mainz, Stuttgart und viele andere Städte bis nach Frieds Wien Er endet mit zwei Gedichten, für die der Geograph keinen Ort finden kann und die ich nicht vergessen werde Peter Huchel hat sein Gedicht "Exil" betitelt Denn er lebt in seiner märkischen Heimat wie ein Verbannter Ich zitiere ohne Kommentar Am Abend nahen die Freunde, Und fuhren Gespräche mit meinem Schweigen 5Das andere Gedicht stammt von Nelly Sachs Ihr Ort ist Dm chschnitten vom Meridian dei Seufzer dei Tränen dem I ach ein des Kindes das in die Flammen geworfen ivuide Ja, vom Meridian der Seufzer sind die Beitiage dieses Buches durchschnitten Ilse Aichmger ermneit sich des Beerensuchens auf dem Lande "Es sind dann viele Jahre gekommen, in denen es kein Beerensuchen f ü r ans gab Aber der Geruch dei Beeren, der schon in dieser ersten Nacht durch die Ritzen der Kellertur hmaufdrang hielt auch der Wirrnis und dem Schrecken einer viel längeren Nacht stand Manchmal habe ich die Hoffnung, daß er auch diejenigen zuletzt umgab, die diese Nacht nicht überlebt haben Daß die Dunkelheit, die sie nach allem Schrecken aufnahm, dem wunderbaren Schatten 1 1 den Kannen ähnlich ist " Zwei Denkmaler m ihrer Heimatstadt Mainz kann Anna Seghers nicht vergessen den Dom und "einen einzigen flachen Stein, den man in das Pflaster einer Strafte gesetzt hat Ich weiß nur, daß der Stein zum Gedächtnis einer ff au eingefügt wurde, die im Ersten Weltkrieg im Bombensplitter umkam, als sie Milch für ihr Kind holen wollte " Gunter Kunert sieht aus dei Berliner S Bahn ein erleuchtetes Zimmer und dort Menschen "Nui waten viele von ihnen seit je verschollen oder vetbrannt oder erschlagen " Wolf Biermanns Gedicht endet U iJ ich sitze auf der morschen ganz nahe bei Eislet und Brecht Auf meinem Schoß sitzt die Konsum Marie Uns ist vom Küssen so schlecht Der Titel dieses Gedichtes "Der Hugenottenfuedhof in Berlin" Marie Luise Kaschmtz, diese immer noch unterschätzte Meisterin des deutschen Worts, schildert den Schulweg eines Kindes im alten Berlin "Stehen geblieben wird auch vor den Sffrggeschaften Nur dreieinhalb Seiten — und wir sehen eine Epoche und eine Stadt, die es nicht mehr gibt Walter Jens Piosastuck, dessen Pointen nur die, Zauberberg" Kenner ganz genießen können, ist heiter und scherzhaft Aber man muß taub sein, um das acherontische Ostmato nicht u hören Sem Ort ist ein Sanatorium, "ein Haus, in dem man auch in Ruhe sterben kann Der Doktor legt keinen Wert auf die Statistik, wir sprechen oft ubei den 1 öd Duichschmtten vom Meridian der Seufzer, grimmiger Seufzer freilich, ein ei schulterndes und kluges Gedicht on Gunter Grass ubei Danzig Gespielt hab ich mit Bombensplittern Und aufgewachsen bin ich zwischen dem Heiigen Geist und Hitlers Bild Von Hans Erich Nossack finden wir eine Dannstadt Satire, die, versteht sich, virtuos geschrieben ist, doch in dieser Umgebung etwas harmlos wirkt Hans Werner Richtei hat eine knappe Chronik des jetzt m der DDR gelegenen Ostseebads Bansm verfaßt und damit bewiesen, was seine Staike ist nicht die erzahlende Prosa, sondern der sachlich unterkühlte gesellschaftskrmsche Bericht In semer Geschichte Bansms spiegelt sich ein Stuck der deutschen Misere. Stephan Hermlms Chemmtz Ermnerung zeigt einen Mann, dem seine Heimatstadt fiemd geworden ist Seme Heimatstadt oder seine Umwelt- Da heißt es- "Die Bücher schützen mich vor dem Leben, das ich furchte, vor einer Zukunft, die mich unausdeuthar anblickt" Der Satz bezieht sich auf Hermlms Jugend Nur auf seine Jugend Em Heimatloser auch Woligang Hildesheimei Er schreibt ubei den Ort, nach dem er sich sehnt "Auf der Reise aus dem Norden, wo meine Traume angesiedelt sind, m den Süden, wo meine Wirklichkeit angesiedelt ist, habe ich eine Stunde dort veibiacht Von der Erzahlungskunst des im Westen immer noch wenig bekannten Franz Fuhmann zeugt ein epischer Bericht, m dem er die Okkupation des Sudetenlandes im Oktober 1938 mit ajßerordentlicher Anschaulichkeit zeigt Und jetzt noch ubei die beiden Stucke des Bandes, die mich am stärksten, am tiefsten beemdi uckt habe i Wolf gang Koeppen, der seit einiger Zeit keine einzige Zeile veröffentlicht hat, schrieb fui diesen "Atlas" einen einzigen, knapp vier Seite i umfassenden Satz Er wiegt mehr als Hundesjje jgpBk ifejc hero, die, m unserer Zeit in, deutscher Sprache verfaßt und gediuckt wurden. Koeßrcns QijLisi ejp K £feejjauv das RomafiiÄbe CaÄHn Ts&mn. Wie ef lifWtesem Mrfzen Piosastuck Fakten, Impressionen und Momentaufnahmen miteinander verbindet, wie er die Atmosphaie einfangt, das wechselnde Lokalkolorit vergegenwärtigt und den zeitgeschichtlichen Hintergrund andeutet, wie er alle Elemente an angiert und immer wieder steigert, wie er der Sprache ebensoiel Präzision wie Musikalitat abgewinnt — das wahrlich ist bewundernswert Mit diesem einen Stuck, das wir, hoffe ich, noch m Vielen Lesebuchein finden werden, erinnert uns Wolfgang Koeppen an sein bedeutendstes Buch, an die "Tauben >m Gras" Und wird man m deutsche Lesebucher aufnehmen, was Peter Weiss unter dem Titel "Meine Ortschaft" geschrieben hat Weiss, der Flüchtling, hat in vielen Städten gelebt, aber "alle diese Städte werden zu blinden Flecken, und nur eine Ortschaft, in der ich nur einen Tfg lang war, bleibt bestehen Es ist eine Ortschaft, für die ich bestimmt war und der ich entkam Ich habe keine andere Beziehung zu ihi, als daß mein Name auf den Listen derer stand, die dorthin für immer übersiedelt werden sollten Ich bin hierher gekommen aus freiem Willen, Ich bin aus keinem Zug geladen worden Ich bin nicht mit Knüppeln m dieses Gelände getrieben worden Ich komme zwanzig Jahre zu spat hierher " Auschwitz Der letzte Satz seines Berichts lautet "Es ist noch nicht ?u Ende Dem bleibt nichts hinzuzufügen