Am 3. Oktober ist, siebenundsiebzigjährig, Max Picard an den Folgen eines Unfalls gestorben. Mit ihm ging eine jener Persönlichkeiten dahin, deren bloßes Dasein für die Mitwelt einen Wert bedeutet und deren Wirken sich ohne viel Geräusch, doch mit einer gewissen Unwiderstehlichkeit bemerkbar macht.

Ein philosophischer Denker im Sinne akademischer Methodik war er nicht; ein Kritiker im Sinne des heutigen Wortgebrauchs auch nicht. Am ehesten dürfte der Name eines „Sehers“ auf ihn zutreffen, sofern man ihn buchstäblich nimmt: ein Mensch, dessen Fähigkeit, richtig, klar und scharf zu sehen, ihm Erkenntnisse vermittelte, wo andere lediglich Fakten wahrnehmen.

Sowohl der Scharf blick als auch die Kritik hatten bei Picard ihren Ursprung in einem Wesenskern von außerordentlicher Güte. Aller Schonungslosigkeit seiner Anklagen gegen die Verfallszeichen der Zeit ungeachtet, gehörte er zu den großen Verkörperungen posenloser Menschenliebe.

Der einzige „Preis“, der dem im Grunde immer einsamen Mitgliede des PEN-Clubs, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung jemals zuerkannt wurde, war der Hebel-Preis.

In Johann Peter Hebels Landschaft, in dem badischen Städtchen Schopfheim, war Max Picard am 5. Juni 1888 geboren, und der schlichten, wahrhaftigen, geradlinigen Natur des Meisters des „Schatzkästlein“, mit dessen alemannischer Sprache er aufgewachsen war, blieb er zeitlebens in tiefer Sympathie verbunden.

Vom kurzfristig ausgeübten Beruf eines Arztes wechselte er bald über zu dem eines Diagnostikers und geistigen Therapeuten der modernen Zivilisation. Als Dokumentationen dieses seines eigentlichen Lebensberufs, dem er seit Jahrzehnten in Caslano, zuletzt in dem Dörfchen Neggio am Luganer See oblag, besitzen wir die Bücher: „Grenzen der Physiognomik“, „Die unerschütterliche Ehe“, „Hitler in uns selbst“, „Die Welt des Schweigens“, „Zerstörte und unzerstörbare Welt“, „Der Mensch und das Wort“ – um die Hauptwerke zu nennen.

Nicht nur das „Sehen“, auch das „Lauschen“ war Picards Beruf, und was er über das „Wortgeräusch“, den Mißbrauch der Sprache zum Nichtssagen und zum Übertönen der Leere, geschrieben hat, enthält kostbare Einsichten in die Unförmigkeit moderner Existenz.

Walter Abendroth