„Adenauer – und der Weg Deutschschlands“ heißt der Bildband, der in den nächsten Tagen im C. J. Bucher-Verlag erscheint. Der Text stammt von Robert Strobel, dem langjährigen Bonner Korrespondenten der ZEIT. Wir bringen hier einen Auszug aus dem Buch. Er behandelt die Reise des Kanzlers nach Moskau vor zehn Jahren.

Eine der interessantesten Auslandsreisen Adenauers war die nach Moskau im September 1955. Zweimal hatte die Sowjetregierung schon zu verstehen gegeben, daß sie diplomatische Beziehungen mit Bonn anknüpfen wollte. Diese Aufforderungen waren der Anlaß zu der Reise. Die Vorzeichen waren nicht verheißungsvoll.

Adenauer nahm eine große Delegation mit: Bundesaußenminister von Brentano, Staatssekretär Hallstein, Bankier Pferdmenges, Ministerpräsident Arnold, Staatssekretär Globke, Professor Carlo Schmid, diesmal aber keine seiner Töchter, wie er es sonst auf Auslandsreisen zu tun pflegte. Die Delegation wohnte im Hotel Sowjetskaja, einem neuen, jedoch im Stil der Jahrhundertwende erbauten Hotel. Einige Abhörapparate waren schon vorher von deutschen Experten aus den Zimmern der Delegation entfernt worden, aber es bestand Grund zu der Annahme, daß noch andere vorhanden waren. Deshalb ließ man den Lautsprecher laufen, wenn man sich im Hotelzimmer unterhielt. So wurde das Gespräch für eine heimliche Bandaufnahme unverständlich. Wollte man sich aber ganz ungestört unterhalten, dann ging man in den deutschen Sonderzug, wo es eine schalldichte Kabine gab.

Der listige Globke hatte von einem Mittel gehört, das die berauschende Wirkung des Alkohols abschwächen sollte; man soll vorher einen Löffel Olivenöl zu sich nehmen. Vorsorglich hatte er einen kleinen Kanister davon mitgenommen. Adenauer wollte aber sichergehen. Er rief bei Professor Martini, seinem Arzt in Bonn, an und fragte ihn, ob ihm das Mittel nicht schaden könne. Martini hatte keine Bedenken. Mit diesem Saft im Leibe sahen also die Bonner den erwarteten alkoholischen Strapazen in Moskau zuversichtlich entgegen. Der auch sonst trinkfeste Carlo Schmid leerte bei einer der Festivitäten ein volles Glas Wodka auf das Wohl des Ministerpräsidenten Bulganin. Chruschtschow, der dabei stand, traute seinen Augen nicht. „Das dürfen Sie nicht tun. Soviel Wodka auf einmal, das ist nicht gut“, warnte er Carlo Schmid. Dieser aber, nun einmal in Fahrt und im Vertrauen auf sein Olivenöl, leerte das neu gefüllte Glas in einem Zuge auf das Wohl des Warners, den es die Rede verschlug.

Es gab, wie sich versteht, neben solchen zwanglosen Begegnungen auch ernste Konferenzen mit zum Teil sehr gereizten Auseinandersetzungen. Auf Chruschtschows Datscha war die Stimmung wechselvoll: mal gut, mal schlecht. Die Russen lobten die großen Deutschen: Marx und Engels. „Ich habe Ihnen einen Großneffen von Engels mitgebracht“, revanchierte sich Adenauer und zeigte auf Pferdmenges. Im Bolschoi-Theater wurde in einer großartigen Besetzung das Ballett „Romeo und Julia“ gegeben. Nachdem der Vorhang gefallen war, ging Adenauer, als wollte er die Versöhnung der beiden feindlichen Häuser aus Verona symbolhaft auf das deutsch-sowjetische Verhältnis übertragen, mit ausgebreiteten Armen auf Bulganin zu und umarmte ihn.

In der Sache, um die es ging, kam man sich jedoch nicht näher. Von einer Wiedervereinigung, wie man sie sich in Westdeutschland vorstellt, wollten die Sowjetführer nichts wissen. „Wir haben die Grenze Ihres Landes nicht überschritten! Wir haben den Krieg nicht gewollt!“ polterte Chruschtschow. Und als Adenauer einmal den Pakt zwischen Stalin und Hitler erwähnte, wäre die Konferenz fast geplatzt. So aufgebracht waren die Sowjetführer, als der Kanzler an diese Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges erinnerte. Denn Molotow, der damals gemeinsam mit Ribbentrop den Pakt unterzeichnet hatte, saß ja am Tisch dabei.

Auch die von den Deutschen verlangte Freilassung der Kriegsgefangenen lehnten die Sowjetführer energisch ab. Es handle sich ausnahmslos um „Verbrecher“, die von sowjetischen Gerichten regulär abgeurteilt worden seien. Daß manche dieser „Gerichtsverhandlungen“ nur fünf Minuten gedauert haben, blieb natürlich unerwähnt. Es seien überdies gar nicht mehr so viele in Gefangenschaff.