H. W., Büsum

Das Nordsee-Gymnasium im idyllischen Büsum ist plötzlich in den Brennpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Die Biologielehrerin Besecke, 53 Jahre, der Chemielehrer Fleischhauer, 55 Jahre, und der Biologielehrer Endrigkeit, 56 Jahre, wurden bis auf weiteres vom Dienst suspendiert. Der Bannstrahl des Kieler Kultusministeriums traf die drei Lehrer nicht von ungefähr, denn sie hatten auf ihre Weise versucht, ihren Schülern klarzumachen, was sie unter „Bewältigung der Vergangenheit“ verstehen.

Schleswig-Holsteins Kultusminister Claus von Heydebreck, sprach auf einer Pressekonferenz in Kiel von einem „bedauerlichen Fall“. Der staatsbürgerliche Landesbeauftragte in Schleswig-Holstein, Regierungsdirektor Dr. Hessenauer, erklärte, es gebe im nördlichsten Bundesland nur eine kleine Minderheit, die bereit sei, sich nicht nur in ihren Reden, sondern auch mit Taten für Demokratie und Humanismus entschlossen einzusetzen. Und der Philologenverband Schleswig-Holsteins zog aus dem Büsumer Fall in einer öffentlichen Erklärung die Konsequenz, daß, „wer nationalsozialistisches Gedankengut verbreite, nicht Beamter sein könne“ und distanzierte sich scharf von seinen Büsumer Kollegen, gegen die bereits die Kieler Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen „Völkerhetze“ eingeleitet hat.

Als erster fiel Studienrat Dr. Endrigkeit auf, der wegen seiner Äußerungen bereits am 6. Oktober vom Dienst suspendiert und gegen den ein förmliches Dienststrafverfahren angestrengt wurde. Alfred Endrigkeit wurde schon vor fünf Jahren wegen ähnlicher Äußerungen mehrfach von seiner vorgesetzten Behörde ermahnt – ohne Erfolg.

Seine Schüler hörten Tag für Tag seine Auffassungen über das Dritte Reich: daß die Amerikaner die Gasöfen in den Konzentrationslagern erst nach Kriegsschluß montiert hätten, um den Deutschen die Judenvernichtung in die Schuhe schieben zu können. Bei einem Chemieversuch demonstrierte er, daß zur Herstellung von Seife Fett benötigt werde, und er wollte beweisen, daß man im Dritten Reich die getöteten Juden dafür nicht habe verwenden können, weil sie ja nicht fett genug gewesen wären. Der rechtsradikale Biologe, der in Kiel den Landesverband der NDP mitbegründet hat, sang bei Veranstaltungen grundsätzlich nur die erste Strophe des Deutschlandliedes, und er behauptete, Hitler – den er stets „Herr Hitler“ nannte – habe 1940 bei Dünkirchen die Engländer absichtlich geschont, um nicht unnötig germanisches Blut zu vergießen.

Die beiden anderen Lehrer standen ihrem Kollegen kaum nach. Chemielehrer Fleischhauer holte mitten im Unterricht sein Notizbuch heraus und erklärte: „So, jetzt wollen wir Auschwitz spielen“; man werde dabei sehen, wer in die Gaskammer komme und hinter welchem Namen ein Kreuz zu machen sei.

Die Studienassessorin Besecke, die gleichzeitig Leiterin des zum Gymnasium gehörenden Mädchen-Alumnats war, schlug ihren Schülerinnen vor, die Zimmertüren mit Ländernamen zu beschriften. Zwei Primanerinnen wählten Israel. Frau Besecke war entrüstet und empfahl nun, die Zimmer nach berühmten Frauen zu benennen. Die beiden Mädchen suchten sich Anne Frank aus. Darauf reagierte die Lehrerin wiederum erbost: „Sie sind wohl selbst Jüdin. Überhaupt, was sollen denn die Leute denken? Die denken vielleicht, hier wohnen nur Juden.“

Alle drei unterrichteten Schüler, die vom Grauen jener Jahre zwar nichts mehr gespürt haben, deren Väter und Mütter aber wissen sollten, was damals geschah. Es ist merkwürdig, daß niemand von ihnen an den Äußerungen dieser Lehrer Anstoß genommen hat. In der letzten Woche lagen in allen Klassenbüchern des Büsumer Gymnasiums Zettel mit dem Aufruf: „Hört nicht auf die Zeitungsschmierer. Stellt Euch hinter Eure Lehrer. Wir müssen endlich damit aufhören, das eigene Nest zu beschmutzen.“