Von Erich Helmensdorfer

München

Die Beamten des bayerischen Finanzministeriums sind fest entschlossen, das in altem Glanz wiederaufgebaute Leuchtenberg-Palais am Münchener Odeonsplatz nicht wieder aus den Händen zu geben, auch wenn Josephine Reichsgräfin von Wrbna-Kaunitz den Staat des Betrugs bezichtigt und gegen Beamte Strafanzeige erstattet hat. Die Geschichte der „Sperrmark“-Gräfin, wie die 68jährige genannt wird, und des Leuchtenberg-Palais zählt zu den Köstlichkeiten bayerischer Nachkriegspolitik. Ein Volksstück auf der weiß-blauen Bühne, so recht nach dem Gusto des in kuhstallwarmer Atmosphäre gehaltenen Publikums.

Der erste Akt spielt bei geschlossenem Vorhang, ohne Zuschauer; die Kulissen sind von erlauchter Qualität. Die „regierende“ Linie des Hauses Wittelsbach unter Kronprinz Rupprecht beschließt Anfang 1952, die Ruine des Leuchtenberg-Palais zu verkaufen. Das in der Nachbarschaft residierende Finanzministerium ist interessiert. Den Wittelsbachern offeriert der Staat 800 600 Mark, ein Angebot, das die Gräfin Kaunitz namens der von ihr vertretenen albertinischen Linie der Wittelsbacher mit 1,7 Millionen überbietet.

Eingeweihte amüsiert der Geldtransfer zwischen den beiden Adelshäusern, die nicht als befreundet gelten können: die Millionensumme wird in kleinen Scheinen mit dem Auto ins Schloß Nymphenburg geschickt. Kronprinz Rupprecht muß Vertraute alarmieren, die den Samstagnachmittag damit zubringen, die Geldbündel nachzuzählen. Mit diesem Coup ist Gräfin Kaunitz als Vermögensverwalterin von zwei Dutzend bayerischer Prinzen und Prinzessinnen dem Ministerium ins Gehege gekommen, und darauf führt sie zurück, was in der Zusammenarbeit von Finanz und Justiz über sie an Unglück gekommen ist.

Im gräflichen Salon in der Richildenstraße 46 war Bier verpönt. Selbst zu Weißwürsten servierte das Hausfaktotum Rotwein. Eine weitere Merkwürdigkeit war, daß die Reichsgräfin, nur mit Notizblock und Schreibmaschine bewaffnet, Millionenwerte verwaltete. Ein weitgespanntes Netz der Beziehungen ermöglichte im großen Stil den Wiederaufbau kriegszerstörter Liegenschaften der Wittelsbacher. Dabei wußte Gräfin Kaunitz die Zeit der Devisenbewirtschaftung gut zu nutzen. Sie baute mit „Sperrmark“-Darlehen, jenen Geldern, die als Konten von Ausländern in Deutschland blockiert lagen und nur mit Genehmigung verwendet werden durften. Da die Ausländer an gesperrtem Geld in der Bundesrepublik kaum Interesse hatten, gaben sie Sperrmark illegal billig ab, wenn sie dafür – was zum Schutz der Deutschen Mark ausdrücklich verboten war – im Ausland Geld in die Hand bekamen. Bei den illustren Namen um Gräfin Kaunitz, bei der die königlichen Hoheiten herumwimmelten; konnte es nicht schwerfallen, die Freigabe von Sperrmark bei den Behörden zu erwirken. Soweit das Vorspiel.

Der Vorhang zur Bühne öffnete sich, als die Devisenüberwachung prompt, nachdem die Gräfin das Finanzministerium beim Leuchtenberg-Palais ausgestochen hatte, im Dezember 1952 die Konten sperrte und der Gräfin unzart schwere Devisenvergehen vorwarf. Gegen eine Unterwerfungssumme von 1,5 Millionen Mark sollte die Angelegenheit aus der Welt geschafft werden. Aber die resolute Gräfin lehnte die Unterwerfung ab, denn dann hätte zur Beschaffung des Geldes das Leuchtenberg-Palais dem Staat abgetreten werden müssen.

Im zweiten Akt der Aufführung singt ein Chor bayerischer Prinzen und Prinzessinnen, an der Spitze der Botschafter der Bundesrepublik in Spanien Adalbert von Bayern, in höchsten Tönen das Lied von der Nibelungentreue zur „Fini“, wie die Vermögensverwalterin der sich dem Lebenskampf wenig gewachsen fühlenden Hochadeligen gerufen wird. Fäden werden gesponnen, Beziehungen spielen. Schließlich gibt der Bayer Fritz Schäffer, Bundesminister der Finanzen in Bonn, die Konten wieder frei. Ohne Bußgeld. Aber Jubel kann sich nicht ausbreiten, denn just am gleichen Tag verfügt nun die bayerische Justiz die Sperrung der Konten. Damit ist wieder ein Akt zu Ende, und es folgt die zweijährige Pause, die von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ausgefüllt ist.

Das Spiel geht weiter mit einem Paukenschlag der Staatsanwälte. Sie klagen die Reichsgräfin an, 17,4 Millionen Sperrmark erworben, dafür illegal 11,5 Millionen bezahlt und auf diese, mit Urkundenfälschung garnierte Weise einen Gewinn von 5,9 Millionen Mark erzielt zu haben. Das Publikum spitzt gespannt die Ohren.

Die Sensationslust wartet nicht umsonst, denn die nächsten Darbietungen enthalten eine Fülle atemberaubender Einfälle der Sperrmark-Gräfin. Sie erscheint zu Gerichtsterminen nicht, sie ist schwer leidend, sie wechselt die Anwälte. Es gibt keinen Trick, den sie nicht anwenden würde, und die bemerkenswert nachsichtige Justiz läßt ihr viel durchgehen. Schließlich betritt sie, gestützt auf eine Pflegerin, am 9. November 1956 den Gerichtssaal und drückt die Anklagebank. Mit dem Urteil, zwei Jahre Gefängnis und 200 000 Mark Geldstrafe, endet dieser Akt.

Die nächste Aufführung dauert ein Jahr. Sie bringt die Auseinandersetzung zwischen der Gräfin und den Wittelsbachern, die mit dem Schrei: „Wo sind unsere Millionen?“ aus dem Schlaf ihrer Nibelungentreue erwacht sind. Auf beiden Seiten wird erbittert gekämpft. Aber die Millionen sind weg, das Adelshaus so gut wie ruiniert. Tödliche Feindschaft herrscht von nun an.

Als sich der Strafantritt nicht mehr hinausschieben läßt, bringt die Gräfin wieder Leben in das Schauspiel. Sie flüchtet in die Schweiz, zusammen mit ihrem Mann, dessen stark dekorative Bedeutung als Titelträger das Publikum mittlerweile erkannt hat. Haftbefehl und Interpol bedeuten nichts. Von der Schweiz aus prozessiert die Gräfin weiter, verschickt Schriftsätze und läßt Bulletins über ihre Krankheiten ab.

In zwei kurzen Einlagen wird die Sicherheit bayerischer Rechtsprechung drastisch vor Augen geführt: Zunächst befaßt sich das Finanzgericht München mit den Steuerbescheiden der Finanzdirektion gegen die Gräfin. Das Finanzamt will 2,8 Millionen Mark vom Schiebergewinn haben. Der Finanz-Salomo ist anderer Meinung und setzt die nachzuzahlende Steuerschuld mit 60,60 Mark fest. Er hat damit großen Erfolg beim Publikum, das nicht weiß, ob es lachen oder weinen soll. Kaum weniger publikumswirksam agieren hohe Gerichte im Juni 1960: Eine Zwangsversteigerung einzustellen, lehnt das Landgericht München I ab; nur wenige Stunden später verfügt das Oberlandesgericht das genaue Gegenteil.

Der nächste Akt spielt drei Jahre und drei Monate später. Bei Nacht und Nebel kehrt die Gräfin aus dem schweizerischen Exil unbehelligt nach München zurück. In einer Privatklinik verkündet sie mit schwacher, erschöpfter Stimme den Entschluß, sich zu stellen. Aber trotz Haftbefehls wird sie nicht festgenommen. Oberstaatsanwalt Dr. Hans Bader erklärt die bevorzugte Behandlung: „Das kommt auf den Einzelfall an und wird individuell entschieden.“ Bei dieser individuellen Betrachtungsweise, die dem Grundsatz der Gleichheit aller vor dem Gesetz sicher nicht widerspricht, ist es seither geblieben. In vier Jahren gab es keine Möglichkeit, ein rechtskräftiges Urteil zu vollziehen.

So lebt die Sperrmark-Gräfin im letzten Akt des bajuwarischen Volksstücks seelenruhig in München und auch wieder in ihrem inzwischen zwangsversteigerten Haus. Sie rüstet zum nächsten Akt und hat deswegen die Beamten angezeigt, die das Leuchtenberg-Palais beim Zusammenbruch der Vermögensverwaltung ersteigert haben. Gräfin Kaunitz will auch um Rehabilitierung kämpfen und hat schon die Höhe des ihr entstandenen Schadens ins Auge gefaßt: rund 100 Millionen Mark. Das Volksstück wird also sicher noch Nachspiele haben.