Paris, im Oktober

Es gibt keinen Beweis für die immer häufiger vertretene Ansicht, daß die große Diskussion um die Reorganisation der NATO im nächsten Jahr beginnen und daß General de Gaulle schon bald nach seiner Wiederwahl im Dezember präzise Forderungen auf den Tisch legen werde. Die Aussicht aber auf die große Auseinandersetzung hat die psychologischen Vorbereitungen längst in Gang gebracht.

Es gibt Gerüchte und halbe Dementis um die Auflösung amerikanischer Stützpunkte in Frankreich und um Projekte für eine Verlegung integrierter Stäbe nach Belgien. Sie folgten wie bestellt auf andere Gerüchte, nach denen de Gaulle im Gespräch mit George Ball eine französische Kontrolle über amerikanische Stützpunkte in Frankreich verlangt hat. Auch damals gab es freilich Dementis, sie bestritten aber im Grunde nur bestimmte Formulierungen, nicht die Sache an sich. Die alliierten Flughäfen und Nachschubeinrichtungen in Frankreich sind teilweise mit Gemeinschaftsmitteln der NATO im Rahmen ihres Infrastrukturprogramms ausgebaut worden, teilweise auf amerikanische Rechnung und auf Grund zweiseitiger Verträge. Unterrichtete diplomatische Kreise erklären nun, daß nur bei den letzteren „etwas im Gange ist, jedenfalls vorerst nur bei ihnen“.

Die Schachzüge, die mit der MLF auf dem west-östlichen wie auf dem atlantischen Schachbrett vorgenommen werden, verfolgen neben ihrem eigentlichen Zweck – der Bundesrepublik einen Platz innerhalb der westlichen Atomstrategie zu geben (oder streitig zu machen) – auch noch die Absicht, Weichen für die weitere Entwicklung des Bündnisses zu stellen. Praktisch kann kein Schritt von einiger Bedeutung für die Organisation des Bündnisses mehr getan werden, ohne daß die Frage nach der zukünftigen Entwicklung auftaucht und der Argwohn, jedweder Schritt könnte diese Zukunft vorbelasten.

Auch die neue amerikanische Anregung, alle an der Verwirklichung des MacNamara-Vorschlags vom Mai (select committee) interessierten Verteidigungsminister sollten baldmöglichst zu einer Konferenz zusammenkommen, wird unter diesem Argwohn leiden. Das wird zwangsläufig vor allem dann geschehen, wenn die USA eine neue ständige Einrichtung schaffen und der Bundesrepublik einen Ersatz für die multilaterale Atomstreitmacht in Form einer stärkeren Mitwirkung bei der Atomstrategie geben wollen. Für Bonn, das nicht nur die Mitwirkung an der Planung, sondern das Miteigentum an Atomwaffen und die durch den Besitztitel gesicherte Mitwirkung bei ihrem Einsatz anstrebt, ist das zu wenig – für Paris dagegen wäre es zu viel.

Als Frankreich erklärte, daß es an dem Macnamara-Vorschlag kein Interesse habe, hat es damit deutlich gemacht, daß in einem solchen Sonderausschuß nur zweitrangige Prozedurfragen der Atomstrategie gelöst werden könnten, und daß dafür seine Minister keine Zeit hätten. Sobald das Gremium wichtigere Aufgaben übernehmen soll, wird Frankreich dagegen sein.

In solcher Lage wird es immer wichtiger zu wissen, was man in Paris eigentlich will. Da offiziell nichts über die NATO-Reformpläne de Gaulles verlautet, werden jetzt alle privaten aber möglicherweise gut inspirierten Überlegungen auf die Goldwaage gelegt. So auch in der vergangenen Woche ein mit drei Kreuzen gezeichneter Aufsatz, der in der Zeitschrift Politique Etrangère, erschien, und der von einem team Sachverständiger, zu dem auch „in privater Form einige Staatsbeamte gehörten“, verfaßt worden ist. Darin sind die wenigen konkreten französischen Forderungen logisch weiterentwickelt und in ein System gebracht, das sich durchaus „gaullistisch“ liest. Es braucht kein Versuchsballon zu sein, aber die Verfasser müssen einige Überlegungen kennen, die man sich an zuständigen Stellen macht, und die ähnlich auch in Äußerungen von Maurice Schumann, dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, sowie in einem vielbeachteten, nur halb dementierten Korrespondentenbericht von France Soire aus Washington auftauchten.