Ein bißchen ist es der Aschermittwoch der Buchmesse, der vorletzte Tag und Sonntagmorgen, an dem alljährlich der Friedenspreis verliehen wird. Nach sechsmal vierundzwanzig Stunden des Geschäfts, des Geplänkels und der kleinen Zynismen ein Vormittag der anspruchsvollen Worte, in allen Schattierungen.

Nelly Sachs, die Lyrikerin (und Dramatikerin und Übersetzerin) ist die Preisträgerin dieses Jahres, die 15. in der Geschichte des Friedenspreises, die erste Frau. Wir sollten den Verantwortlichen dankbar sein für diese Entscheidung, es ist eine selbstverständliche, gerechte Wahl, von „glücklich“ mag man nicht reden angesichts der Bedingungen, unter denen das Werk dieser, wie die Verleihungsurkunde sagt, „großen jüdischen Dichterin deutscher Sprache“ entstand: die Gedichtbände „Sternverdunkelung“, „Und niemand weiß weiter“, „Flucht und Verwandlung“, um nur einiges zu nennen.

Das Frankfurt Goethes, des Auschwitzprozesses und des Friedenspreises für Nelly Sachs ist eine deutsche Wirklichkeit, und es ist gut, daß wir allzusehr Betroffenen die Worte dazu jemandem anvertrauen durften, der freier ist als wir. Man muß Werner Weber, dem Schweizer, der Nelly Sachs die Laudatio hielt, für den Ernst und die Behutsamkeit danken, mit denen er die Worte zu diesem dunklen Thema setzte, man muß ihm, der die Literatur in deutscher Sprache kennt und verehrt wie wenige, danken für die Darlegung von Nelly Sachs’ Werk, die doch in jedem Wort eine Huldigung war. Nelly Sachs, eine der, wie Weber sagte, „Seltenen, die der Rede den lebendigen Laut wiederzugeben vermögen, in welchem das Meinen und das Sagen sich in moralischer Ordnung halten“, die Frau, der es gelang, „das Böse der Zeit im Gedicht (zu) melden, ohne daß ihr dabei das Wort selbst böse geworden wäre“‚ sie tritt hervor aus der Ehrenstuhlreihe, löst sich heraus zwischen den Bürgermeisterketten, um die Urkunde entgegenzunehmen. Das Porzellangesicht, die brennenden dunklen Augen, das tiefe Blau des Sonntagskindersamtes, die weißen Löckchen, sie gehen unter vor lauter Kameras und Apparaten, die ihr den Weg zum Podium verstellen. Eine Stimme wie eine gesprungene Teeschale, dankt sie dann mit wenigen Sätzen, dankt, indem sie von einem neuen Vertrauen in eine neue Generation spricht, dankt in ihrer ureigenen Weise, indem sie einige Gedichte liest.

Es ist eine gute Lösung, wenn man an manchen bei seinen „Worten zum Frieden“ eher hilflos anmutenden Preisträger zurückdenkt. Es ist die einzige Lösung für Nelly Sachs, die zu diesem Thema das Ihre in ihrer Sprache gesagt hat:

Frieden

du großes Augenlid

das alle Unruhe verschließt