Von Peter Urban

Den Nobelpreis für Literatur 1965 erhält Michail Scholochow. Der sechzigjährige sowjetische Romancier ist nicht der erste Russe, dem diese Auszeichnung zuteil geworden ist. Vor Boris Pasternak, der den Preis nicht hatte entgegennehmen können, war es 1933 der Erzähler Iwan Bunin, der seit der Revolution im Ausland lebte.

Kaum wurde Freitag letzter Woche der Entschluß der schwedischen Akademie bekannt, als sich auch schon die Hälse reckten: ein Ausgleich für Pasternak? Als auch schon Bild orakelte: der neue Nobelpreisträger habe durch seine Regierung keine Nachteile zu befürchten, denn „der schnauzbärtige Donkosak paßte sich bisher stets den wechselnden politischen Richtungen in der Sowjetunion an“. Kaum verhohlener Ärger, Mißgunst und Diffamierung hier, siegesbewußte Gebärde dort („eine große Auszeichnung für die sozialistische Literatur“) – der Nobelpreis ist ein Politikum ersten Ranges geworden, nicht erst seit Sartre.

Doch lautet die Lehre, welche die schwedische Akademie der Weltöffentlichkeit 1965 erteilte, anders als das Rätsel, das ihr Sartre mit seiner Ablehnung des Preises aufgab. Entschied er sich, unter dem Hinweis, er hätte zur Zeit seines Algerien-Aufrufs den Preis als Zeichen einer weltweiten Unterstützung seiner Sache wohl angenommen, für die Unabhängigkeit des Schriftstellers, so gibt 1965 die Akademie zu denken: Auch Kommunisten können Dichter, Dichter Kommunisten sein. Diese Erkenntnis tut einem Lande, wo die Leser ihren „Intellektuellen“ Unverfrorenheiten abkaufen wie die Frage: Ist der Sowjetmensch mehr sowjetisch oder mehr Mensch? – einem Land des programmierten Antikommunismus wie der Bundesrepublik bitter not.

Unzureichend bleibt indes auch der Kommentar, den der Präsident des sowjetischen Schriftstellerverbandes abgab. Wieso Auszeichnung nur der „sozialistischen“ Literatur? Der Nobelpreis für Literatur enthebt Scholochows Werk ideologischen Provinzen, es wird nun dem Kanon moderner Weltliteratur angehören wie das oeuvre eines Camus, eines Sartre oder das eines Pasternak. Denn der Nobelpreis ist nicht vorrangig Politikum. Er honoriert noch immer ein literarisches Kunstwerk.

Mit ihrem Votum für Scholochow hat sich die schwedische Akademie nicht für „moderne“ (modische?) Kunst – in der UdSSR würde man sagen „bürgerlich formalistische“ Literatur ausgesprochen. Dem Werke Scholochows, das weit über die Sowjetunion hinaus verbreitet ist, haftet bereits etwas Klassisches an.

Unter den sowjetischen Epikern hat er wohl nicht seinesgleichen, denn auch Maxim Gorkij gelang eher die Erzählung als der große Wurf eines Romans. Will man den Vergleich wagen, so stünde Scholochows „Stiller Don“ Tolstojs Romanen näher als einem „Raskolnikow“ oder den „Brüdern. Karamasow“, nahe durchaus auch den Bildern aus dem Kaukasus, wie wir sie von Gogolj, Lermontow und Puschkin kennen.