K. H., Berlin

Uwe Johnson kam mit Zeitungspaketen über den Kurfürstendamm geradelt. Wolfgang Neuss verkündete vor dem Café Zuntz stimmgewaltig einen Sieg von Hertha BSC. Günther Grass trug eine Schiffermütze, die mit weißem Band für Berlins bis dato provinziellste Tageszeitung warb: für das Spandauer Volksblatt. Anderthalb Jahre ist es her, seit die Literaten-Kolonie der ehemaligen Reichshauptstadt auf die Straße ging, um „ihre“ Zeitung zu verkaufen. Sie brachten das „Spandauer“, das Westberlins Renommierstraße nie zuvor gesehen hatte, auf dem Kudamm an mehr als 1000 potentielle Neu-Abonnenten. Großstadt-Bohemiens und FU-Professoren, alteingesessene Spandauer Kleinbürger und Künstler-Prominenz verband fortan gemeinsames allmorgendliches Erleben: Die Lektüre des „Spandauer Volksblattes“.

Freilich hatten „Volksblatt“-Verleger Schasiepen und Chefredakteur Höppner für die Werbehilfe des „geistigen Berlins“ und der ihr folgenden Auflagesteigerung ihren Preis zu zahlen: Sie sollten eine „ehrliche Zeitung“ machen, der Frontstadt-Atmosphäre zum Trotz. Geplant war die Wiedergeburt einer großen liberalen Zeitungstradition unter der Kopfleiste eines ebenso traditionsreichen Lokalblättchens. Verlagsleiter Schasiepen fand große Worte für das kühne Projekt: „Ich meine, daß die Stadt einen Rest von Gesamtdeutschland darstellt, und daß es eine Schande wäre, hier keine ehrliche Zeitung zu machen. Wenn Sie mich fragen, was ich unter Ehrlichkeit meine: zu schreiben, was man weiß – die seit Jahren von den meisten geübte Praxis, vom Wissen nicht in ausreichendem Maß Gebrauch zu machen, zum Schrott zu werfen.“ Der Verleger warf – wie er es damals formulierte – zusammen mit den auf den Boulevard gehenden Schriftstellern – „sein Herz über die Hürde“. Vor einem viertel Jahr wurde er entlassen.

Am vergangenen Montag holten Chefredakteur und Besitzer die Spandauer Herzen endgültig hinter die Hürde zurück. Sie feuerten den Ressortchef Stephan Reisner fristlos. Nicht nur das: Grass-Protege Reisner, anderthalb Jahre verantwortlich für die Ehrlichkeit im politischen Teil, darf fortan die Schwelle der Redaktion ebenfalls nicht mehr überschreiten; er erhielt Hausverbot.

Die alten Spandauer hat der nonkonformistische Höhenflug auf den politischen Seiten ihres Blattes offenbar das Schwindeln gelehrt. Angeblicher Anlaß für den Rausschmiß Reisners war eine Meinungsverschiedenheit über die Frage, ob auf der ersten Seite des Blattes neben politischer Ehrlichkeit auch Annoncen einen Platz bekommen sollten.

Tatsächlich beobachteten die Herren des Spandauer Traditionsblättchens schon seit einiger Zeit mit Unbehagen, daß ihre in der Lokalberichterstattung so renommierte Zeitung mehr und mehr in das Kreuzfeuer der großen Politik geriet. Erst in der vergangenen Woche hatte Berlins SPD-Vorsitzender und passionierte Agentenjäger Kurt Mattick die Vermutung geäußert, daß in Reisners Mitarbeiterstab ein linker Verschwörer zu finden sei. Sein Argwohn richtete sich gegen den Vopo-Deserteur und „Volksblatt“-Leitartikler Walter Barthel, den er beschuldigte, als „parteifremdes Element“ die linke Berliner SPD-Gruppe zu inspirieren und zu mißbrauchen.

Am Montag hatte man in Spandau von der Aufregung endgültig genug. Weder Bitten noch Drohungen konnten die Alteingesessenen davon abbringen, sich von ihren unbequemen jungen Kollegen zu trennen. Die gesamte Redaktion hat sich mit Reisner solidarisch erklärt. Ihre Unterstützung aufgesagt haben bereits alle prominenten Förderer des Blattes. Günter Grass, Professor Ossip, Flechtheim, Wolfgang Neuss, Sebastian Haffner, Horst Krüger, Gerhard Schönberner und Klaus Wagenbach gehören zu denen, die in einem Brief an „ihre“ Zeitung Rat, Tat und Abonnements für den Fall aufkündigten, daß Reisners Kündigung nicht rückgängig gemacht werde.

„Volksblatt“-Besitzer Lezinsky und Chefredakteur Höppner ließ der intellektuelle Protest ungerührt. So wird das „Spandauer“ wohl wieder, was es nur für anderthalb Jahre nicht wahr: Die Spandauer werden Klagen über mangelhafte Straßenbeleuchtung, Berichte über kleine und große Verbrechen, über menschliches Leid und Glück in ihrem kleinen Berliner Stadtteil, über Sieg und Niederlage ihrer Sportvereine fortan nicht mehr garniert finden mit avantgardistischen Feuilletons und nonkonformistischen Leitartikeln. Die Devise heißt: Fort vom Kudamm – zurück nach Spandau.