Von Heinz Kornetzki

Kirche und Wahlkampf – um dieses heftig diskutierte Thema geht es in dem folgenden Beitrag, der sich mit jüngsten Vorfällen beschäftigt. Dabei steht das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und der SPD im Mittelpunkt. Eine interessante Meinung vertrat kürzlich der Direktor der katholischen Akademie in Bayern, Forster. Er sagte: „Die eigentliche Krise des deutschen Katholizismus besteht darin, daß er im Grunde die Ghettomauern des 19. Jahrhunderts noch nicht überwunden hat“. Er stehe vor allem den Wandlungstendenzen innerhalb der SPD hilflos gegenüber. Forster fragt: „Was soll aber geschehen, wenn die deutsche Sozialdemokratie mit ihrem programmatischen Neuansatz auch in der politischen Praxis Ernst macht?“ Seine Antwort lautet: „Die traditionelle Ablehnung wird dann unglaubwürdig.“

Wenn es stimmt, daß katholische Bundesbürger nur aus „irrigem Gewissen“ SPD gewählt haben können, dann ist die Seelsorge, in einer prekären Lage: In den Gebieten mit einem katholischen Bevölkerungsanteil von über 75 Prozent haben die Sozialdemokraten im Bundesdurchschnitt 15 Prozent Stimmen gewonnen, die Christdemokraten 0,5 Prozent verloren. Bemerkenswert sind die SPD-Stimmengewinne in den überwiegend katholischen Ländern Nordrhein-Westfalen (6 Prozent), Rheinland-Pfalz (3 Prozent), Bayern (3 Prozent) und im Saarland (4 Prozent). Im Wahlkreis Saarlouis-Merzig mit einem Katholikenanteil von 93,5 Prozent gewann die SPD 7,1, verloren die Christdemokraten 5,3 Prozent.

Die Parole vom „irrigen Gewissen“ war wenige Tage vor der Bundestagswahl nicht von einem Theologen, sondern von einer kleinen Gruppe katholischer Publizisten in einem Artikeldienst für die Kirchenpresse ausgegeben worden. Sie war offensichtlich als Schock für unkritische Gläubige gedacht: Sie sollte den Christlichen Demokraten die sich langsam auflösende katholische Stammwählerschaft erhalten. Sie ist typisch dafür, wie eine Gruppe Taktiker sich die Kirche für parteipolitische Zwecke nutzbar zu machen versuchte.

Niemand darf der katholischen Presse verübeln, daß sie sich im Wahlkampf 1965 für die CDU/CSU geschlagen hat. Zu verübeln aber ist die Art und Weise, wie dies geschehen ist, wie mit dem politischen Gegner ins Gericht gegangen wurde. Neben das Übel tritt die Problematik, stellt man fest, daß sich an diesem Wahlkampf viele der 22 Bistumszeitungen (2,4 Millionen Bezieher) und die in den Kirchen zum Verkauf ausliegenden Zeitungen beteiligt haben.

Von berufener Seite ist die katholische Kirchenzeitung „Organ des Bischofs“ genannt worden. Das stimmt nur theoretisch. Praktisch sind die Bischöfe für den Wahlkampf ihrer Hausblätter nicht verantwortlich; wer die Praxis in den Redaktionen der Kirchenzeitungen kennt, kennt die weitreichende Unabhängigkeit der Redakteure von ihrem Bischof. Die Einflüsse kommen eher vom Verwaltungsapparat, aus den Ordinariaten. Sie kommen aber auch von außen, von einem Clan katholisch-konservativer Publizisten. Ihm ist es vor allem zuzuschreiben, daß auch die Diözesanblätter ins parteipolitische Scharmützel eingespannt wurden, daß sich die religiösen Bildungszeitungen in die Niederungen der Agitation begaben.

Während CDU-Politiker in der katholischen Presse portraitiert wurden und Gelegenheit dazu bekamen, ihre Gegner zu attackieren, blieben die Sozialdemokraten ohne Chance; von den Freien Demokraten ganz abgesehen. Selbst als die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) wenige Wochen vor dem Wahlgang ein Interview mit Herbert Wehner zum Thema Kirche und SPD der Kirchenpresse anbot, druckte kein Diözesanblatt dieses Interview. Dagegen veröffentlichten Kirchenblätter die von der CSU verbreitete Meinung, daß die SPD für Katholiken nicht wählbar sei.