Von Johannes Jacobi

Die Berliner Festwochen 1965 sind mit einem Moll-Akkord verklungen. Die Entflechtung, die diesmal durch die zeitliche Ausklammerung des Theaterwettbewerbs und des Jazz-Festivals erreicht wurde, stellte um so dringlicher die Frage nach Sinn und Wirkung der „festwocheneigenen Veranstaltungen“.

Am besten bedient durften sich diejenigen Besucher fühlen, die auf dem synoptischen Veranstaltungskalender die Farbe Gelb gewählt hatten. Sie versprach außer den Gastspielen des Britischen Nationaltheaters und einer Gruppe indischer Tänzer vorwiegend musikalische Genüsse. Hier waren die Perlen auf Schnur gereiht.

Doch im Mittelpunkt der famosen Tabelle dominierte die Farbe Rot. Sie bezeichnete „Japan-Beiträge“. Hier stock ich schon. Sicherlich kann Nicolas Nabokov stolz darauf sein, daß er in Berlin japanische Schauspieler in Europa vorstellte. Vom Kabuki-Theater wurden zwei Programme geboten. Ebenso vom Kyogen. Das sind erheiternde Zwischenspiele, die als entr’actes in die uralten, endlosen Nô-Spiele eingelegt werden. (Jene No-Theatergruppe allerdings, die ungefähr gleichzeitig Europa durchzog, vermochte nicht einmal Nabokov nach Berlin zu bringen; sie streifte Deutschland in Ulm.)

Ich habe in Berlin ein Kabuki- und ein Kyogen-Programm abgesessen. Mit Hilfe ergänzender Literatur weiß ich nun über das theatralische Vokabular aus eigener Anschauung Bescheid. Daß ich vom Geist dieser Kunst berührt worden sei, wäre gelogen. Dies exotische Spectaculum erscheint sehr prächtig, sehr fern und – selbst in den kürzesten Studien – sehr lang. Ostasiens bildende Kunst ist zugänglicher. Auf „Alles über Afrika“ (1964) ist „Alles über Japan“ gefolgt (auch Musik, Ausstellungen, Filme, Vorträge). Die Berliner Festwochen sind durch ihre Zentrierung auf ein „Motto“ zum Hochschulkurs für Snobs geworden. Nächstes Jahr will Nabokov, der verantwortliche Leiter, in Berlin Barock ausstellen. Wenn das so weitergeht, werden die Berliner Festwochen bald austauschbar sein gegen das Holland-Festival, die Festspiele in Edinburg – oder wo immer man sonst zusammenstellt, was für Geld und mit guten Beziehungen zu haben ist.

Wenden wir uns resigniert der Farbe Blau zu. Mit ihr waren im Kalender „andere Festwochenbeiträge“ gekennzeichnet. Darunter fielen diejenigen der 18 Berliner Bühnen, die Während der Festwochen eine oder mehrere Premieren hatten. An dieser Stelle müßte eine berlinerische Festwochenleitung koordinierend wirken. Ein Gremium, das die besten deutschsprachigen Theateraufführungen während eines Jahres ermitteln soll, ist für den aufs Frühjahr verlegten „Berliner Theaterwettbewerb“ geschaffen worden. Eine eigene Berliner Dramaturgie gibt es bei der Festwochenleitung offensichtlich nicht.

Kurt Raeck, der im Renaissancetheater so oft diskussionswürdige Festwochenbeiträge geliefert hat, paßte diesmal. Daß Piscator sein neues, in Berlin beliebtes Haus der Freien Volksbühne nur für Gastspiele zur Verfügung stellen konnte, ist auch nicht in Ordnung. Sicherlich, er probte für die Uraufführung der „Ermittlung“ von Peter Weiss. Daß diese allerorten ausgerechnet am 19. Oktober, also eine Woche nach dem Berliner Festwochenende, stattfinden muß, wirkt willkürlich. Verlag und Autor sind Berlin sehr verpflichtet für die spektakuläre „Marat“-Uraufführung des Schiller-Theaters. Seit zwei Monaten ist das Stück gedruckt im Handel käuflich. Daß trotzdem die Uraufführung der „Ermittlung“ nicht im Rahmen der Festwochen stattfand, gehört zu den typischen Unterlassungssünden einer künstlerischen Organisationsleitung, die den Berliner Bühnen nicht dort zu Hilfe kommt, wo ein Intendant allein auf schier unüberwindliche Grenzen stößt.