Von Max Brod

Dies er Aufsatz setzt fort, was in den letzten Ausgaben begann, als Joachim Seyppel über einen „Besuch in Prag“, wo er Kafkas Spuren nachging, berichtete, und Klaus Wagenbach die Frage beantwortete: „Wo liegt Kafkas Schloß.“

Beim Sichten alter Papiere fand ich neulich ein bisher unbekanntes Manuskript von Kafka. Es ist, abgesehen von seinem bedeutsamen Inhalt, auch dadurch merkwürdig, daß es sich fast ganz genau datieren läßt und daß es eine der frühesten literarischen Schöpfungen Kafkas darstellt, die sich erhalten haben – falls man die wenigen Briefe, die ich auf Seite 9 bis 32 des Bandes „Briefe“ veröffentlicht habe, nicht eigentlich zu den selbständigen Ausformungen von Kafkas Geist rechnet; wiewohl manche um ihrer Anmut und persönlichen Art willen wichtiger sind als ganze Bibliotheken, die von den heute überall aufschießenden Kafkologen zusammengeschustert werden.

Übrigens macht auch das im folgenden zitierte Schriftstück an zwei Stellen einen Anlauf, zum Brief zu werden. Gibt sich aber trotzdem, schon durch die fehlende Anrede am Anfang, die Kafka sonst nie vergaß, als eine Art von „Betrachtung“ zu erkennen, als Vorform seines ersten Buches.

Das Manuskript besteht aus drei Oktavblättern, jedes zwei Seiten umfassend, mit Bleistift geschrieben, stellenweise verwischt, schwer lesbar. Eines der Worte, im folgenden Zitat von mir durch ein Fragezeichen in Klammern bezeichnet, konnte nicht mit Sicherheit entziffert werden.

Auf dem letzten Blatt ist nur eine Seite beschrieben, der Text bricht ab. Die Größe der Blättchen: 17 cm hoch, 10,5 cm breit. Das letzte Blatt um 2 cm weniger hoch.

Es handelt sich um die Ausarbeitung eines polemischen Gedankens gegen mich, um Kafkas Antwort auf zwei Artikel von mir, die in der Berliner Wochenschrift Gegenwart (Herausgeber Ernst Heilborn) am 17. und 24. Februar 1906 unter dem Titel „Zur Aesthetik“ erschienen sind. In diesen Artikeln hatte ich schlicht und in jugendlichem Leichtsinn (damals war ich noch nicht zweiundzwanzig Jahre alt) behauptet, die Kategorie „schön“ sei einfach durch die Kategorie „neu“ zu ersetzen. Die „neue Apperzeption“ oder „Wahrnehmung plus innerliche Verarbeitung des neuen Eindrucks“, wie ich sie im Anschluß an Herbart und Wundt definierte, stelle das Wesen der Schönheit dar.