Statt der Beute bringt er die Lohntüte nach Hause Wie mächtig ist der Mann heute noch?

Von Lotte Paepke

Es gibt, wie man weiß, unzählige Artikel, Aufsätze, Bücher, die sich mit dem Thema „Frau“ befassen. Da schien es mir endlich an der Zeit, einmal einen Aufsatz über den Mann zu schreiben – eine Untersuchung, die schlicht und einfach den Titel hätte: „Der Mann.“

Zunächst einmal, um Vorbilder zu haben, orientierte ich mich darüber, wie solche Aufsätze über die Frau überschrieben, welchen Grundgedanken sie unterstellt sind.

Da gibt es die ganz allgemein gehaltenen Untersuchungen, die über die Frau als solche reflektieren, von Eva in der Bibel über Frau von Stein bis zu den heutigen First Ladys und Bundesrichterinnen. Es gibt dann Spezialthemen, wie zum Beispiel: „Frau und Kultur“, „Die Frau als Weib“, „Frau und Politik“, „Das Ewige in der Frau“ und dergleichen mehr. Da gibt es auch die leichter faßlichen Artikel, etwa auf den Frauenseiten von Zeitungen, die Fragen der Mode oder psychologische Probleme des Alltags dartun. Dann fiel mein Blick noch auf leichtere Romane, etwa in Illustrierten, auf „Heidi sucht ihr Glück“ und ähnliche Titel, worin, da fast immer die Liebe eine Rolle spielt, infolgedessen auch eine Frauengestalt Träger von Verwicklung und Lösung zu sein pflegt. Kurz, es wurde mir immer klarer, wieviel mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit der Frau gezollt wird als dem Mann, und ich hatte das Gefühl, es sei höchste Zeit, ihn, als solchen, auch entsprechend herauszustellen.

„Der Mann“ also. „Mann und Kultur“. „Das Ewige im Manne.“ „Der Mann in der Wirtschaft“. Oder vielleicht: „Erwin sucht sein Glück“? ...

Hier werden die Folgerungen töricht und mithin die Sache ernst. Ganz offensichtlich stimmt da etwas nicht. Man kann offenbar „den Mann“ gar nicht extrahieren aus dem Erscheinungsbild „Mensch“. Ihn, den Mann als solchen, gibt es nicht. Bei ihm ist es nicht möglich, die Anatomie zu isolieren und aus Geschlechtsmerkmalen ein Wesen sui generi zu machen, wie das bei der Frau geschieht. Der Mann ist identisch mit dem Menschen. Bei der Frau ist es anders. Bei ihr werden körperliche oder geistige Geschlechtsmerkmale nicht als das menschliche Erscheinungsbild spezifizierend angesehen, sondern sie machen an sich schon das Wesentliche, das Ganze aus. Die Eigenschaft des Mütterlichen, um ein Beispiel für viele zu nehmen, wird als konstitutive, primäre Eigenschaft der Frau betrachtet; fehlt sie, dann ist das ein Mangel, eine Anomalität. Väterlichkeit wird niemals als wesenbestimmend für den Mann angesehen – er kann sie haben oder auch nicht: Er bleibt ein vollwertiger Mann.