Pankow hat die österreichische Bundeshandelskammer überfahren, die mangels offizieller diplomatischer Beziehungen zwischen Wien und der DDR Träger des Außenhandelsabkommens zwischen den beiden Ländern ist. Ohne die Kammer auch nur von der Anwesenheit einer ostdeutschen Delegation zu verständigen, schlossen die Emissäre Pankows mit der staatlichen österreichischen Stahlindustrie einen Vertrag über die Lieferung von Stahl im Werte von elf Millionen Dollar ab, obwohl das Abkommen lediglich ein Volumen von sechs Millionen Dollar vorsieht;

Offensichtlich wollte Pankow Wien vor vollendete Tatsachen stellen. Schon seit längerem sind die DDR-Unterhändler darauf aus, die Warenkontingente zu ändern; sie wollen mehr Grundstoffe und weniger Konsumwaren. Durch den Stahlvertrag wollte Pankow seinen Wünschen bei der in diesem Jahr fälligen Revision der österreichischen Außenhandelsbestimmungen mehr Nachdruck verleihen.

Aber Ostberlin hat sich verrechnet. Wider Erwarten hat das österreichische Parlament die geltenden Bestimmungen vor wenigen Tagen verlängert; Pankows Forderungen sind also nur über neue Vertragsverhandlungen zu erreichen. Doch Wien will sich nicht unter Druck setzen lassen, auch wenn sich die Wünsche der DDR mit denen der österreichischen Stahlindustrie decken. Vor Februar nächsten Jahres soll nicht verhandelt werden. Zwar wird die DDR wohl mehr Stahl bekommen als der bestehende Vertrag vorsah; der Überrumpelungsversuch ist jedoch nicht geglückt. kg