Ein züchtiger Staatsanwalt will Münchner „Playboy“-Buchhändler „züchtigen“

Von Thilo von Uslar

München

Vierhundert Journalisten, die sich in der letzten Woche als Gäste des US-Herrenmagazins Playboy im Frankfurter Hotel „Intercontinental“ bei Austern und Champagner in die Gefilde amerikanischer Lebensart einführen ließen, ahnten nicht, daß sie mit ihrer Anwesenheit etwas sittlich-moralisch höchst Fragwürdiges würdigten. Die Manager von Playboy („Entertainment for men“), die aus den USA und England zu ihrer Buchmessenparty geeilt waren, hatten ihren Gästen als optische Zukost etwas von dem versprochen, was den Besuchern amerikanischer „Playboy-Clubs“ längst liebgewordener Augenschmaus ist: servierende, charmant plaudernde „Bunnies“. wohlgebaute „Häschen“, in knappe Korsagen gezwängte junge Damen, deren aufgesteckte Pappohren und Manschettenröllchen sie zum lebendigen Warenzeichen des Playboy- Konzerns stempeln.

Die Bunnies, die nicht nur uniformiert arbeiten, sondern auch in „Bunny-Dormitories“ kaserniert gehalten werden, dürfen zwar keine Verabredungen mit Gästen der Clubs treffen; sie dürfen aber, zur „Spielgefährtin (,Playmate‘) des Monats“ gekürt, sich nahezu hüllenlos für Playboys herausklappbare Farbtafeln photographieren und in zweieinhalb Millionen Exemplaren in aller Welt stumm betrachten lassen. Das liegt auf der Linie der „Playboy-Philosophy“, einer Kampagne gegen die – wie man hierzulande sagen würde – Sex-Muffel und ihre überfällige Prüderie, mit der Herausgeber-Chefredakteur Hugh M. Hefner („big bunny“) sein einträgliches Lebenswerk geistig überzuckert.

Dazu gehört wohl auch, daß einmal einem der Mädchen, durch die Playboy erst schön wird, ein Streich gespielt wird, wie etwa im Märzheft dieses Jahres. Da zierte das Konterfei einer verhangen dreinblickenden Blondine von Zeichnerhand das Titelblatt. Innen aber im Heft stellte sich heraus, daß man dem naiven Kind auf farbiger Doppelseite übel mitgespielt hatte. Kaum verschleiert, nichts verbergend und diesmal von Kopf bis Fuß den Blicken preisgegeben verkündet es im Text: „Mother was so pleased when she learned Mr. Hefner would only be using my face on the cover of Playboy.“ (Mutter war ganz erleichtert, als sie erfuhr, daß Mr. Hefner nur mein Gesicht für das Titelblatt von „Playboy“ benutzen würde.“)

Daß man Mutter und Modell derart hereingelegt hatte, ohne „das“ zu verbergen; daß man sich statt dessen am Mißgeschick der beiden auch noch in Millionenauflage delektierte, muß den Staatsanwalt beim Amtsgericht München schwer getroffen haben. Er entsann sich des Paragraphen 184 im Strafgesetzbuch und bezeichnete das Bild als „unzüchtig“. Unzüchtig in den Augen des staatlichen Wächters war auch eine Serie von Photos, mit denen Playboy im März seinen Beitrag zum Rummel um die Fanny Hill und ihre Lebenserinnerungen lieferte. Während eine Filmproduktion in Berlin die Erlebnisse der Dame zu einer eher langweiligen Memoirenstudie verarbeitete, stellte das amerikanische Männerblatt ein paar Fanny-Hill-Schnappschüsse aus dem Photoatelier, die das boten, mit dem der Film dem Publikum trotz Reklame nicht dienen konnte. Da aber Playboy die weiblichen Protuberanzen nicht nur in Photos und Gemälden, sondern gar in seinen für ihre Qualität berühmten Cartoons herausstreicht, fiel dem Staatsanwalt ein solcher Bilderwitz ins Auge, dessen unzüchtige Natur sich wohl nur dem erschließt, dessen Playboy- Lektüre sich auf Hefte beschränkt, die ihm Kriminalbeamte zur Begutachtung in die Dienststube tragen: In einem Nachtlokal sitzen sich ein jüngerer, beflissener Gentleman und ein soigniert-graubärtiger, älterer ebensolcher gegenüber. Oben, auf der kleinen Bühne, strapaziert die superproportionierte Sängerin ihr Zwerchfell derart, daß das knappe Abendkleid die Fülle nicht mehr zu bändigen vermag. Unter den Schwingungen des zweigestrichenen Cis birst das Dekolleté, worauf der jüngste zum älteren feixt: „That was the note I was telling you about“ (Das war die Note, von der ich ihnen erzählt habe).