Moskau hat seine osteuropäischen Verbündeten ebenso wie Finnland und Jugoslawin wissen lassen, daß es wegen einer unerwartet niedrigen Getreideernte in diesem Jahr nicht in der Lage ist, seine Lieferverträge zu erfüllen. Wegen der großen Trockenheit in weiten Gebieten der Sowjetunion wird die Getreideernte etwa 20 bis 25 Prozent niedriger sein als im vergangenen Jahr, wenn auch nicht ganz so schlecht wie im Katastrophenjahr 1963. Die Sowjetunion hat daher bereits mit westlichen Ländern Lieferverträgs über acht Millionen Tonnen Weizen abgeschlossen; über den Kauf von weiteren fünf Millionen Tonnen wird verhandelt.

In der DDR ist die Getreideernte in diesem Jahr zwar wesentlich besser ausgefallen als in der Sowjetunion; die Weizenproduktion dürfte etwa zwei Millionen Tonnen erreichen; aber den Eigenbedarf kann auch die DDR bei weitem nicht decken. Wie in den vergangenen Jahren, so müssen auch diesmal 1,6 Millionen Tonnen Weizen importiert werden. Der größte Teil dieser Weizenimporte kam bisher aus der Sowjetunion. Schon in den beiden Vorjahren war es aber sehr schwierig, die benötigten Mengen von dort zu erhalten, und diesmal sind wegen der schlechten Ernte in der UdSSR die Aussichten hierfür noch ungünstiger. Die Sowjetunion hat wenig Neigung, den mit Hilfe von Goldverkäufen auf dem Weltmarkt erworbenen Weizen an ihre Satelliten weiterzugeben.

Um so erstaunlicher ist daher zunächst, daß die DDR trotz ihrer schwierigen Versorgungslage 100 000 Tonnen Futterweizen im Rahmen des-Interzonenhandels in die Bundesrepublik exportiert. Der Grund hierfür ist, daß die Zone noch größere Schwierigkeiten mit der Erfüllung ihrer Lieferverpflichtungen aus dem Handelsabkommen mit der Bundesrepublik hat als mit ihrer Weizenversorgung. Um Verrechnungseinheiten – die Währungseinheit, mit der im Interzonenhandel gerechnet wird – zu ergattern, liefert sie Weizen und kommt damit in den Genuß der westdeutschen Abschöpfungspolitik. Hierdurch erzielt sie nämlich bei Weizenverkäufen an die Bundesrepublik einen Preis, der um etwa 30 Prozent über dem Weltmarktniveau liegt.

Mit Hilfe einer solchen Verdienstspanne kann die DDR dann in der Bundesrepublik Käufe vornehmen, auf die sie sonst mangels Zahlungsmittel hätte verzichten müssen. Das fehlende Getreide dagegen kann sie auf dem Weltmarkt billig zurückkaufen, falls sie – und hier liegt für die DDR der Pferdefuß bei diesem sonst so einträglichen Geschäft – die notwendigen Devisen dazu hat. mj