Gewiß werden solche Schablonen in den dramaturgischen Büros mehr oder weniger mechanisch repetiert. Aber das geschähe nicht, wenn sie nicht in besonderer Weise, emotional aufgeladen wären und die Arrangeure nicht siehe; sein könnten, den gewünschten Lähmungseffekt mit ihnen zu erzielen, der den Zuschauer zwingt weiter zuzuschauen. Aus den genannten Situationen spricht die Angst, daß von einem Augenblick auf den anderen die vertraute Umwelt sich in ein Labyrinth verwandeln und das sichere Zuhause zur Falle werden könnte. Wer sich ohnehin im Beruf überfordert fühlt, wer fürchten muß, viele komplizierte Beziehungen in seiner Umwelt nicht mehr zu durchschauen, wen seine Berufsprobleme auch am Abend zu Hause- noch plagen, für den ist emotional gesehen, die eine Unsicherheit der anderen durchaus substituierbar. Die Massenmedien erzeugen, keine Stimmungen aus dem Nichts; sie, kostümieren nur, was bereits vorhanden ist.

Selbst wer nur die Boulevardzeitung aufschlägt, findet in ihrer Aufmachung und Erzähltechnik ein Bewußtsein wieder, das vor nichts so sehr erfüllt ist wie von der Angst vor der Katastrophe im engsten Umkreis von Haus und Familie. Keine politische Umwälzung reich) entfernt an die Publikumswirksamkeit einer Familiennachricht heran. Und keine glückliche Heiligkeit macht so große Schlagzeilen wie eine Hiobsbotschaft. Der Star unter den Meldungen, ist allein das Unglück. Wenn es den richtigen Angst-Appeal besitzt und auf bestimmte einfache Symbole reduziert werden kann, muß es nicht einmal einem Prominenten zustoßen. Dann kann jeder beliebige Pechvogel Balkenüberschriften hervorrufen.

Einen ebenso starken Angstwert erreicht wahrscheinlich nur noch die andere, immer wieder groß herausgestellte Meldung von Menschen, die ahnungslos im Schlaf vom Feuer überrascht werden und in ihren Betten verbrennen. Selbst wenn keine konkreten Unglücksbotschaften vorliegen, muß wenigstens der Leitartikler schreiben, was alles passieren könnte. Typisch dafür ist folgender Text aus einem Boulevardblatt. Unter der Überschrift „Denkzettel“ heißt es:

„Einen bösen Denkzettel erhalten manche Eltern, die ihre-Kinder allein auf die Eisenbahn setzten. Ihre Jungen und Mädchen kamen nie am Ziel der Reise an. Die Endstation hieß Tod. Die Kinder. verwechselten die Wagen- mit der Toilettentür, stürzten aus dem Fenster oder wurden, als sie falsch ein- bzw. ausstiegen, überfahren. Der letzte Grund für die Fahrt in den Abgrund liegt jedoch tiefer als die arglosen Fehlschritte und -tritte der Kinder. Die Eltern bauten leichtfertig, gedankenlos oder aus Bequemlichkeit auf den kleinen Gernegroß, die Hilfe der Schaffner, die Aufmerksamkeit der Fahrgäste. ‚Es wird schon gutgehen, das Kind ist groß genug‘, heißt es da. Es ging leider nicht immer gut, es ging schief.“

In diesem Text hat das Gefühl ständigen Bedrohtseins durch einen Abgrund mitten in unserm Leben seine reinste Form gefunden. Abgelöst von jedem tatsächlichen Anlaß – ein solcher scheint nicht vorzuliegen, sonst wäre er bestimmt angeführt worden –, entwirft der Autor dieser „Mahnung“ das negative Idealbild einer heillos verunsicherten Welt. Hunderte von Kindern, die ohne den Schutz ihrer Eltern, unbarmherzig von zu Hause verjagt durchs Land reisen müssen, stürzen jedes Jahr aus den Zügen. Alle Fenster und Türen der Eisenbahn öffnen sich. in den Tod – so muß man nach der Lektüre annehmen. Der Text ist bewußt so vage gehalten, daß man sich über die Größenordnung der Gefahr allen Vermutungen hingeben kann. Wir leben offensichtlich in einem Dschungel voller Gefahren; niemand weiß, was sein nächster Schritt bedeutet. Alle Sicherheitsvorkehrungen der Institutionen versagen. Nieman kann sich darauf verlassen, daß sein Nachbar ihn warnt und vor dem Schlimmsten zurückreißt. Im Gegenteil: als arglose Kinder in der Fremde, um die keiner sich kümmert, stolpern wir in unser Unglück!

Es hilft nichts, dagegen einzuwenden, dies alles sei ja nur die Panikmache der Unterhaltungsindustrie. In Wirklichkeit näherten wir uns doch dem perfekten Versicherungs- und Wohlfahrtsstaat. Noch nie habe es so viele und so ausgeklügelte Sicherheitssysteme gegeben, vom kleinsten bis ins größte, vom Anschnallgurt im Auto bis zur NATO. Wer so denkt, kann natürlich den Massenmedien nur vorwerfen, sie respektierten fortwährend ein falsches Bewußtsein, sie seien auf einer archäischen Stufe des Denkens stehengeblieben, hatten sich den tatsächlichen Lebensverhältnissen nicht angepaßt, verfielen in infantile, Reaktionen und putschten deshalb für den Zustand unserer Zivilisation belanglose Stimmungen zu angeblich bedeutsamen Situationen auf. Wenn wir uns dieser Meldung anschließen wollten, müßten unsere Überlegungen darauf hinauslaufen, den Massenmedien den Prozeß zu machen und sie wegen Uneinsichtigkeit zu verurteilen. Wir würden dabei allerdings übersehen, das Bedarfsweckung immer nur in bestimmten Grenzen möglich ist. Wenn es keine Unbehaustheit gäbe, könnte auch das Geschäft mit ihr nicht florieren. Wenn nicht Millionen sich in ihrem Alltag eingesperrt, und beengt fühlten, gäbe es auch keine Konjunktur für Angstmacher. Wer alles Übel in den Massenmedien sieht, prügelt nur den Unglücksboten. Das Unheil selbst läßt er aus.

Ich meine, Filme, Schlager und Boulevardzeitungen sollte man als kollektive Träume lesen. Sie bilden nicht die Wirklichkeit ab, und sie symbolisieren sie auch nicht in vernünftigen Proportionen. Aber sie geben Hinweise und bieten Schlüssel an. Dabei zeigen sie überdeutlich, daß wir uns in unserer Haut nicht wohl fühlen. Und indem sie das tun, entlarven sie nicht so sehr sich selbst, sondern weit mehr die Gesellschaft, die sie nötig hat, um mit ihren Verdrängungen fertig zu werden.