Es ging nicht immer sehr sittsam zu. Lärm, „Ungezogenheiten“ und allgemeines durcheinander überschritten oft die Toleranzgrenzen jeder durchschnittlichen Kindergärtnerin. Die Leiterin dieses ungewöhnlichen „Kindergartens“ aber wir glücklich über ihren Erfolg. Wohlwollend beobachtete sie, wie Ingo den Stephan nach Strich und Faden beschimpfte. Ihr ging es weniger darum, ob Ingo gute Gründe für seinen Zorn hatte. Wesentlich war, daß der Siebenjährige seit seinem vierten Lebensjahre, als der aufgeweckte Knabe plötzlich zu stottern begann, keinen zusammenhängenden Satz mehr hervorbrachte. Jetzt aber hatte er in seiner Wut und dem Bestreben, seinen etwa gleichaltrigen Kontrahenten in kürzester Zeit möglichst vollständig zu beleidigen, das Stottern fast vergessen. Ingo schimpfte, aber immerhin: er sprach.

Der Leiterin einer Erziehungsberatungsstelle in einer westdeutschen Großstadt waren dort ungewöhnlich viele Stotterer und Kinder mit anderen Sprachstörungen aufgefallen. Sie konnte durchsetzen, daß die Kinder in psychotherapeutischen Gruppensitzungen behandelt wurden. Die Behandlung übernahm Frau Professor Edeltrud Meistermann-Seeger. Sie kam einigen interessanten Zusammenhängen zwischen kindlichen Sprachstörungen und familiärer Umwelt auf die Spur. Sie berichtete vor einiger Zeit in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologe darüber.

Zunächst wurden 108 Kinder behandelt, die meisten von ihnen stotterten. Schon bei den ersten Zusammenkünften wurde deutlich, daß sie alle eines gemeinsam hatten: sie litten an verdrängten Affekten, insbesondere an Aggressionen, die sie nicht äußern durften. Derartige seelische Verklemmungen nahmen ihnen die Fähigkeit zum ungezwungenen, glatt ablaufenden Dialog.

Wenn Affekte fehlen...

Wie die Psychotherapeutin vermutete, wird über diese Fähigkeit schon im Säuglingsalter entschieden, und zwar durch die Form des „Handlungsdialoges“ zwischen Kind und Mutter, also dem Vorläufer des gesprochenen Dialoges. Zun späteren flüssigen Sprechen kommt es nur, wenn die vorsprachlichen Äußerungen des Kleinkindes mit Affekten durchdrungen sind: „Wenn den Kleinkind möglich und erlaubt war, mit der Mutter affektiv zu reagieren, hat es eine Vorform des lebendigen Sprachausdrucks erlernt“, schreibt sie. „Bei Sprachstörungen kann immer vorausgesetzt werden, daß dem Kind vor und während des Sprechenlernens bestimmte Affektbegleitungen seiner Handlungen untersagt waren.“

Solchen „affektfrustrierten“ Kindern fehlt der automatische Widerstand gegen emotionale Störungen. Ausgangspunkt ihrer Unsicherheit war der gehemmte Handlungsdialog im Säuglingsalter, und dieselbe Unsicherheit überträgt sich nun auf die spätere, sprachliche Form des Dialoges. Schon bei leichten seelischen oder körperlichen Störungen bricht der sprachliche Kontak: mit der Umwelt zusammen: sie beginnen plötzlich zu lispeln, zu stammeln oder – meistens – zu stottern. In besonders schweren Fällen sprechen sie überhaupt nicht.

So kommt es, daß die Eltern stets einen konkreten Anlaß für die Sprachstörung ihres Kindes angaben. Sie irren sich aber, wenn sie meinen, der seelische oder körperliche Schock habe das Stottern verursacht. Er war nur ein Auslöser der die schon gespannte seelische Feder „einschnappen“ ließ. Die eigentliche Ursache der Sprachstörung ist viel tiefer in der Persönlichkeit des Kindes verankert; sie ist ein neurotische! Protest gegen seine Umwelt. Bei keinem der Kinder ließ sich ein angeborener Defekt nachweisen: Alle Sprachstörungen traten in einen Alter auf, in dem die Kinder schon einmal richtig gesprochen hatten.