Bundesfamilienminister a. D. Würmeling will aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion austreten. Giund: Er hat sich geärgert, weil Bundeskanzler Erhard bei den Koalitionsverhandlungen am Montag der FDP „in allen Punkten“ nachgegeben habe.

Noch einige Tage zuvor hatte sich Erhard vor der Fraktion stark gemacht, er werde dem FDP-Vorsitzenden Mende die Rückkehr ins Gesamtdeutsche Ministerium verwehren. Unversehens gerieten jedoch die Gespräche der beiden Parteien in eine Krise, da die FDP „eine angemessene Vertretung in der Deutschlandpolitik“ zur Koalitionsfrage machte. In der entscheidenden Nachtsitzung vom Montag zum Dienstag schließlich behauptete Mende sein Ministerium.

Beide Seiten hatten vorher schweres Geschütz aufgefahren. Die FDP setzte ihren Partner unter Druck, indem sie Bundestagspräsident Gerstenmaier wissen ließ, sie werde ihm bei der Wiederwahl am Dienstag die Stimmen verweigern und auch die Fraktionsgemeinschaft zwischen CDU und CSU nicht anerkennen. Automatisch wäre dann Carlo Schmid von der SPD als Vertreter der stärksten Fraktion zum neuen Präsidenten gewählt worden.

Auch Erhard, so drohten die Freien Demokraten, dürfe am Mittwoch bei der Kanzlerwahl nicht auf die Unterstützung der FDP rechnen. Die Hoffnung, daß einige abtrünnige FDP-Abgeordnete Erhard dennoch zu den fehlenden Stimmen verhelfen würden, wurde durch den Beschluß der FDP zunichte gemacht, daß die gesamte Fraktion notfalls der Wahlprozedur fernbleiben solle.

Die CDU/CSU ließ es zunächst ebenfalls auf eine Kraftprobe ankommen, Auch nach einem Scheitern der Verhandlungen wollte sie Erhard am Mittwoch zur Wahl stellen und ihn nötigenfalls im dritten Wahlgang mit einfacher Mehrheit zum Kanzler einer Minderheitsregierung erheben. Diese Aussicht war für die FDP nicht eben erfreulich. Da eine Minderheitsregierung spätestens bei der Haushaltsdebatte in Schwierigkeiten geraten wäre, hätte diese Notlösung über kurz oder lang wahrscheinlich zu einer Großen Koalition zwischen CDU/CSU und SPD geführt.

Nachdem sich Christliche und Freie Demokraten schließlich dazu durchgerungen hatten, ihre Koalition fortzusetzen, verkündete CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender Barzel: „Es gibt weder Sieker noch Besiegte.“ Es gab keinen, der nicht umgefallen wäre. Erhard mußte doch den Ministerstuhl für Mende freigeben. Und die FDP, die ihren Wählern versprochen hatte, auf jeden Fall die Rückkehr des Franz Josef Strauß ins Kabinett zu verhindern, unterschrieb nun, um Mendes Ministerium zu retten, eine Ehrenerklärung für den CSU-Vorsitzenden, die ihm den Weg ins Bundeskabinett freigibt. Beide Parteien bescheinigten sich gegenseitig, daß sie „alle bisherigen Vorbehalte einschließlich der Bedenken hinsichtlich der Kabinettsfähigkeit führender Mitglieder ihrer Parteien als beendet“ ansehen.

Kaum hatte Mende sein Ministerium zurückerobert, da sammelte bereits Strauß seine Mannen zum letzten Sturm auf die Kanzlerfeste. „Wenn Erhard gegenüber dem ungeratenen Sohn FDP so großzügig war“, sagte ein CSU-Sprecher, „dann muß er doch wohl gegenüber dem geratenen Sohn, der CSU, noch großzügiger sein!“