Borys Lewytzkyj – Kurt Müller: Sowjetische Kurzbiographien. Schriftenreihe des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stiftung; Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover; 348 Seiten, 42,– DM.

Ein Charakteristikum des Stalinismus war eine für unsere Vorstellungen geradezu krankhafte Wahrung von Staatsgeheimnissen – oder was man in der Sowjetunion darunter verstand. Noch vor vier Jahren, während der „aufgeklärten“ Chruschtschow-Ära, hatte die leihweise Überlassung eines Moskauer Telephonbuches und eines Personalausweises an einen Ausländer zur Folge, daß dieser die Sowjetunion unverzüglich hätte verlassen müssen. Geheimniskrämerei ist allen totalitären Regimes eigen. In Rußland jedoch hat sie eine sehr lange Tradition. Das Mißtrauen gegenüber dem Fremden, der vielleicht nur ins Land gekommen ist, um nach Elend und Korruption zu schnüffeln, erfuhren bereits die Besucher des Zarenreiches auf groteske Weise. Die Spionage-Prozesse vor einigen Jahren, in die Touristen verwickelt wurden, die offen zugaben, im Auftrag von westlichen Geheimdiensten in die Sowjetunion gereist zu sein, bewiesen, daß die übertriebene Vorsicht der Sowjetbehörden nicht ganz so unberechtigt ist.

In der Sowjetunion, wo man die Meinung hören kann, es komme nicht so sehr auf die Kontinuität der Stellenbesetzungen als vielmehr auf die der Politik an, wo die Errichtung des Systems mit Handlungen verbunden war, an die sich nicht wenige nicht gern erinnern lassen, erscheint es den Machthabern auch nicht angebracht, lückenlose Lebensläufe bekanntzugeben. Zur Zeit Stalins ging die Zurückhaltung bei der Veröffentlichung von biographischen Angaben soweit, daß es westlichen Experten oft noch nicht einmal möglich war, den Vornamen einer Persönlichkeit zu ermitteln.

Nach Stalins Tod erschienen jedoch etliche enzyklopädische Werke, aus denen sich auch wertvolle biographische Details gewinnen ließen. Ein sowjetisches „Who’s Who?“ fehlt aber immer noch. Immerhin konnte Hans Koch in seinem 1957 erschienenen „Sowjetbuch“ unter dem Titel „Sowjetköpfe“ 2000 Prominente jeweils in wenigen Zeilen aufführen. Zwei Jahre später war aus diesem Teil des Buches ein selbständiger um 3000 „Köpfe“ vermehrter Band erwachsen. Es versteht sich, daß dieses Werk schon lange nicht mehr auf dem laufenden ist, ganz zu schweigen davon, daß es nicht frei von Fehlern war. Außerdem brachte das Münchner Institut zur Erforschung der UdSSR 1958 ein „Biographic Directory of the UdSSR“ heraus, dessen Vorzug vor allem in seinen Angaben über Vertreter der Kultur bestand, während es in seinen Informationen über politische Funktionäre so manchen Lapsus enthielt. Dasselbe Institut publizierte dann eine Loseblattsammlung von „Porträts der UdSSR-Prominenz“ wiederum mit dem Schwergewicht auf Persönlichkeiten aus dem künstlerischen und wissenschaftlichen Leben und leider von kurzer Lebensdauer.

Nunmehr erschien ein Nachschlagewerk, das in seiner Zielsetzung und Verläßlichkeit seine Vorgänger überrunden wird. Der Band enthält Biographien der prominentesten sowjetischen Partei- und Staatsfunktionäre, der Leiter der Wirtschaft und von Organisationen der Sowjetunion. Es stützt sich auf die offiziellen sowjetischen Nachschlagewerke und auf eine systematische karteimäßige Erfassung der Personalien aus allen wichtigen zentralen Presseorganen und 22 Zeitungen der Republiken der Sowjetunion. Die beiden Herausgeber weisen darauf hin, daß die biographischen Daten in sowjetischen Veröffentlichungen nicht immer vollständig und oft auch einseitig sind, daß sie aber trotzdem auf eine Kommentierung und Einbeziehung von Angaben aus westlichen Quellen verzichtet haben, da dadurch ein gänzlich anderer Aufbau der Arbeit bedingt worden wäre. Das Werk enthält keine Biographien von Repräsentanten aus dem kulturellen Bereich. Diese sollen in dem von denselben Herausgebern erscheinenden „Handbuch der Sowjetunion“ in einem Anhang zusammengestellt werden.

Im ersten Teil wird die personelle Besetzung des Partei- und Staatsapparats und der Organisationen gebracht, und zwar sowohl für die Sowjetunion als Gesamtheit wie für jede einzelne der fünfzehn Unionsrepubliken. Die Sowjetunion wird aufgegliedert in Kommunistische Partei der Sowjetunion, Staatsapparat, Oberster Sowjet, Armee, Komsomol, Unionsrat der Gewerkschaften, Akademien und sowjetische Freundschaftsgesellschaften, die Republiken in Partei, Staatsapparat, Oberster Sowjet, Komsomol, Gewerkschaftsrat und Akademien. Der zweite Teil „Personalia, Titel und Ämter“ enthält rund 1500 Kurzbiographien von A bis Z. Auf diese Weise ist ein doppelter Zugang zu den interessierenden Personen möglich.

Das durch Chruschtschows Sturz ausgelöste umfassende Revirement hat gezeigt, wie notwendig ein auf den neuesten Stand gebrachtes Verzeichnis dieser Art ist. Es wäre sehr zu hoffen, daß der von Lewytzkyj und Müller vorgelegte Band baldige Neuauflagen erlebt, ja daß er eine mit dem raschen Wechsel auf allen Stufen der sowjetischen Hierarchie verknüpfte ständige Einrichtung wird. Günther Specovius