Von Ulrich Gregor

Die 14. Internationale Filmwoche Mannheim gab nicht nur Gelegenheit zu instruktiven Vergleichen zwischen verschiedenen Erstlingsspielfilmen junger Regisseure (wobei sich an ungarischen, polnischen und tschechischen Beispielen wieder einmal die deutliche Überlegenheit des jungen Films der Ostblockstaaten über die vergleichbaren westlichen Produktionen ergab); sie vermittelte auch einen neuen Einblick in den gegenwärtigen Stand des bundesdeutschen Kurzfilms.

Bereits vor Beginn des Festivals hatten die Mannheimer Organisatoren verkündet, daß gerade die Bundesrepublik in diesem Jahr mit besonders zahlreichen und beachtlichen Beiträgen vertreten sein werde. Diese Aussage schien durch das Verdikt der Mannheimer Jury bestätigt: Roland Klicks Film „Zwei“ erhielt eine Auszeichnung als bestes Werk in der Kategorie „soziale Dokumentation“; auch fühlte sich die Jury veranlaßt, eine lobende Anerkennung „für das erfreuliche Niveau der in diesem Jahr gezeigten deutschen Kurzspielfilme“ auszusprechen.

Uns scheint, daß man hinter dieses Jurylob doch ein dickes Fragezeichen setzen muß. Nicht, daß es den deutschen Kurzspiel- (und im weiteren Sinne den Dokumentär-) Filmen an handwerklicher Sauberkeit, an sozialer Aufmerksamkeit oder an Engagement fehlte. Sowohl Klicks „Zwei“ wie Illings und Kletts „Rot im Kalender“ oder Christian Rischerts „It‘s a Wonderful Life“ kann man als achtbare Leistungen anerkennen. Zufrieden wurde man mit ihnen trotzdem nicht: In irgendeinem Punkt forderten sie alle zu starken Einschränkungen heraus.

Roland Klicks „Zwei“ etwa beginnt zunächst sehr überzeugend mit der Vorstellung eines Durchschnittsmenschen, der seine Hochhauswohnung verläßt, um zu seiner täglichen, monotonen Arbeit zu gehen. Doch man stutzt schon bei gewissen zeigefingerhaften Effekten, die sich der Drehbuchautor Klick einfallen ließ: wenn etwa der junge Büroangestellte erst von seinem Chef per Telephon verdonnert wird und dann die gleiche Abreibung an einen Untergebenen weiterreicht. Die Idee als solche mag richtig sein, aber sie wird hier viel zu mechanisch-didaktisch vorgeführt. Didaktisch wirkt auch die ganze Grundanlage der Story mit den sich überkreuzenden Lebensschicksalen des Büroangestellten und der alternden Strip-tease-Tänzerin. Namentlich der nächtlichen Begegnung der Tänzerin und der Horde junger Männer mangelt es an inszenatorischer Überzeugungskraft: Alles wird dem Zuschauer hier zu deutlich vorbuchstabiert, vörarrangiert.

Fritz Illings und Werner Kletts „Rot im Kalender“ ist die improvisatorische Beschreibung vom ereignislosen Sonntag eines jungen Berliner Ehepaares. Hier zeigt sich viel Witz, Beobachtungsgabe und auch formaler Einfallsreichtum. Der Film ist natürlicher und spontaner gearbeitet als der von Klick; und doch vermag er sein anfängliches Niveau nicht durchzuhalten: Er entwickelt keine Dramaturgie, bleibt in der Aneinanderreihung von Anekdoten stecken und bricht unvermittelt ab. Der Zuschauer, dem hier im Grunde nur originell verpackte Äußerlichkeiten serviert wurden, ist enttäuscht.

Der junge Münchener Regisseur Christian Rischert hat sich in „It’s a Wonderful Life die verführerische Scheinwelt der Illustrierten-Romane vorgenommen. Er zeigt, wie sich ein aufgedonnertes Filmsternchen zum Rendezvous mit einem Playboy bereit macht. Dazwischen stellt er Texte im Stil von Kitschromanen. Aber es gelingt ihm kaum, auch in den Spielszenen ironische Distanz zu entwickeln; statt dessen reichert er sie mit aufdringlichen Sexualsymbolen an und bringt in die Charakterisierung seiner Figuren sogar offenbare Widersprüche hinein – das Mädchen beispielsweise erscheint ebensosehr als Projektion kleinbürgerlicher Wunscnvorstellungen wie als deren Opfer.