FÜR Freunde von Barlachs dichterischem und graphischen Werk –

Ernst Barlach: „Der arme Vetter“, Drama in fünf Akten, Textband und Mappe mit 35 Lichtdrucken; Hinstorff Verlag, Rostock; 80 S., 68,– DM.

ES ENTHÄLT im Textband die fünf Akte des Dramas, das Barlach 1911 und 1912 in einer ersten Fassung unter dem Titel „Die Osterleute“ schrieb. 1917 erhielt es seine endgültige Form und den Titel „Der arme Vetter“. Das Drama wurde 1919 in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt. Dazu enthält die Mappe 35 Lichtdrucke nach den Steinzeichnungen, die im März und April 1917 entstanden sind. Der erste Druck erschien 1918, die nächsten Auflagen 1919 und 1926.

ES GEFÄLLT, weil damit eines der wichtigsten Werke von Barlach wieder im Handel ist und nicht mehr ausschließlich dem kleinen Kreis begüterter Privatsammler zur Verfügung steht. Ob Barlach im Prinzip ein guter Illustrator gewesen ist, ob er die Fähigkeit besaß, sich anderen Autoren und fremder Dichtung anzupassen, wieweit er Goethe mißverstanden und vergewaltigt hat, darüber kann man sehr unterschiedlich urteilen. Sobald er Barlach illustriert, wird nicht nur die Einheit von Text und Zeichnung ganz überzeugend, der Graphiker interpretiert und stützt den Autor und umgekehrt. Bei den Zeichnungen zum „Armen Vetter“ tritt ein überraschend kräftiger Realismus an den Tag, der gewissermaßen auf den Text abfärbt und das Drama aus einem mystischen und symbolträchtigen Nebel in die reale Welt der Niederelbe zurückholt. Das „Gespräch vor Tisch“ orientiert präzise über den Raum, das Mobiliar der Gaststube (mit dem Kachelofen), über die handelnden Personen, den Herrn Siebenmark und das Fräulein Isenbarn. Der Boden freilich, auf dem die Gestalten stehen und sich bewegen, ist nicht sehr zuverlässig. Aber eben dieser „schwankende Boden“ gehört zu Barlachs ganz realen Erfahrungen. Der Rostocker Verleger hat die Neuauflage mit der größten Sorgfalt hergestellt, der Preis steht in keinem Verhältnis zu der bibliophilen Leistung. G. S.