Die Schreiber der „Zeit“? Das sind Börsenmakler des deutschen Amüsierbetriebes: Die notieren bloß und vermitteln, was gerade in der Branche getragen wird. Ich kenne auch den Herausgeber der „Zeit“, den Herrn Bucerius, und ich verbürge mich dafür, daß er wahrhaftig weder ein Linker noch ein Intellektueller ist. Er ist ein Kaufmann, und kein ungeschickter. Er weiß, womit sich ein bestimmter Lebenskreis amüsiert. Und das verkauft er. Nicht einer seiner redaktionellen Angestellten, sofern ich sie kenne, ist ein Intellektueller ...

Daß jemand vom Schreiben lebt, macht ihn noch nicht zu einem geistigen Menschen; und in Amerika, wo die Leute vom Range des „Zeit“-Betriebes unter der Rubrik „Copywriters“ geführt, und recht gut bezahlt werden, ist dieser Irrtum auch kaum möglich: dort macht man eine saubere Unterscheidung zwischen Amüsement und Intellekt. Aber in Deutschland? Selbst wenn ich begreifen könnte, was an der „Zeit“ amüsant ist, werde ich nie begreifen, wie so etwas als Blatt der deutschen Intelligenz mißverstanden werden kann...

Spiegel und ZEIT sprechen für die deutsche Intelligenz so authentisch, wie Herr Grass für die deutsche Lyrik spricht – nämlich nur mit der Authentizität der mehr oder minder beabsichtigten Parodie. Für die deutsche Intelligenz spricht nur sie selbst. Und wenn sie nicht immer vernehmlich ist, so liegt das an dem großen Lärm, den das Amüsiergewerbe zu machen versteht. Aber es gibt die Stillen im Lande so sehr und so verläßlich, wie es sie immer gegeben hat. Sie entwickeln sich nicht gegen ihr Volk, sondern mit ihm. Sie machen keine Purzelbäume auf der Linken und keine Saltomortale auf der Rechten, sondern sie bewegen sich behutsam und verantwortungsvoll in dem Raum, dem sie sich verpflichtet haben – dem Raum des Geistes. Und es ist, da sie Deutsche sind, deutscher Geist.

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