Von Robert Lucas

Der junge Mann mit dem crew-cut-Haarschnitt trat auf mich zu und fragte bekümmert: „Was meinen Sie, wie lange wird es dauern?“

Ich hatte keine Ahnung. Wir standen in kleinen hilflosen Gruppen im Vestibül der County Hall und warteten. Zwei oder drei studierten ohne besonderes Interesse das „Topographische Reliefmodell der Grafschaft Surrey“, das sich mit giftgrünen Hügeln, Flüssen und Häusergruppen in einer großen Vitrine gegenüber dem Treppenaufgang ausbreitete, andere betrachteten die zerschlissenen Regimentsfahnen an den Wänden.

„Ich muß in einer Woche im Kongo sein“, sagte der crew-cut-Besitzer und sog nervös an seiner Zigarette. „Ich rief Sie an, und Sie sagten, Sie wüßten nicht, wie lange es dauern würde. Ich soll meine Reise aufschieben, meinten sie...“

Außer mir waren 45 Männer und zwei Frauen da; ich hatte Zeit, sie zu zählen. Ich wußte nicht, wer sie waren. Ich wußte nur, daß jeder von ihnen – so wie ich – einen mit dem Siegel des Sherriffs von Surrey versehenen Brief auf absurd rosa Papier erhalten hatte: eine Vorladung zum Geschworenendienst in den „Quarter Sessions“.

Der Gerichtsdiener kam und verlas mit monotoner Stimme die Namen. Wir riefen „Hier!“ wie in der Schule. Der Diener mußte wohl siebzig Jahre alt sein. Er war wie eine Gestalt aus einem Roman von Dickens: eine dünne Robe hing ihm schief von den Schultern, und seine Hände waren so zittrig, daß ihm die Karten mit den Namen der Geschworenen aus den Fingern glitten, was einige Schwierigkeiten verursachte, da sie in vier Gruppen zu je zwölf Namen eingeteilt waren. Er hob verärgert die Stimme, wenn man sich nicht sofort meldete. „Bitte folgen Sie mir!“, sagte er brummig und führte uns ohne ein Wort der Erklärung in die Ratskammer, die als Gerichtssaal diente.

Ich hatte schon früher einigen englischen Gerichtsverhandlungen beigewohnt, nicht als Geschworener, sondern als Zuschauer. Ich hatte im Old Bailey, dem berühmten Zentralen Kriminalgerichtshof, unter der goldenen Statue der Justitia mit Schwert und Waage Mordprozesse erlebt, die die Zeitungen tagelang mit sensationellen Schlagzeilen versorgten. Ich hatte auch viele Stunden in Magistrate Courts verbracht, vor denen in einer eigenartigen Atmosphäre der Formlosigkeit und Würde jeder Bürger erscheinen muß, der einer Gesetzesverletzung bezichtigt wird. Diese Gerichte stellen die unterste Instanz für das strafrechtliche Verfahren dar; sie werden heute in den Städten von erfahrenen Juristen geleitet, aber auf dem Lande noch immer von Laien, nämlich ehrenamtlichen Friedensrichtern. Das ist um so bemerkenswerter, als hier auch die Verhandlung gegen jeden Schwerverbrecher stattfindet, der dann an ein Assisengericht (in London das Cid Bailey) überstellt wird. Bei den meisten Fällen, die vor die Magistrates kommen, handelt es sich nur um harmlose Verkehrssünder, und die ganze Verhandlung nimmt häufig nur fünf Minuten in Anspruch. Jeder Angeklagte hat jedoch das Recht, das summarische Verfahren des Magistrate Court abzulehnen und zu verlangen, daß sein Fall vor die Geschworenen kommt. Dann wird das strafrechtliche Verfahren – und nur von diesem ist hier die Rede – an die nächste Instanz abgetreten – an die den Assisen gleichgestellte Quarter Sessions.