Vorhanden war eine nicht überlastete, inzwischen elektrifizierte Eisenbahnstrecke: der „Bremer Ast“ von Hannover über Wunstorf nach Neustadt, der „Hamburger Ast“ über Lehrte nach Burgdorf. Von jeher fuhren Einwohner dieser Städte und ihnen benachbarter Dörfer in die Landeshauptstadt, wenn sie die Vorzüge der großstädtischen City in Anspruch nehmen wollten: Kaufhäuser, Spezialgeschäfte, Eleganz, Oper, Theater, Konzert, dazu jenes schwer zu definierende Flair, das selbst hannoversche Geschäftsstraßen zu Boulevards macht.

Genauso wichtig waren immer schon die anderen Ziele: Arbeitsplätze in Hannover. Hier zeigt sich am deutlichsten das „großstädtische Gebaren“: Man wohnt, wo man wohnen will, und man arbeitet, wo man arbeiten will. Man nutzt ganz einfach all die Möglichkeiten, die dafür im weiten Umkreis vorhanden sind. Man verlangt Freizügigkeit und Mobilität; keiner Behörde ist es gegeben, sich mit Planungen dagegen zu wenden. Die Mißbilligungen, die diesen Bürgern bisher entgegenschlugen, waren verständlich, denn es geht dabei ums Geld: Wenn es woanders als dort, wo man wohnt, verdient oder ausgegeben wird, ist es für den Steuersäckel der Heimatgemeinde verloren.

Auto am Bahnhof

Solche Grenzüberschreitungen ließen sich indessen nie verhindern, man kann sie lediglich steuern. Zum Beispiel kann man zu verhindern versuchen, daß die Anziehungskraft Hannovers in eine Verstopfung Hannovers durch hereinströmende Automobile ausartet. Verbote helfen dabei wenig, besser ist es, zu überzeugen, beispielsweise, daß es mit der Eisenbahn genauso schnell, so bequem, so pünktlich geht wie mit dem Auto. Oder besser. In und um Hannover sieht das jetzt so aus:

Seit dem 27. September verkehren zwischen Burgdorf, Hannover und Neustadt sechzehn Zugpaare in beiden Richtungen, das heißt, daß von sechs Uhr morgens bis 23 Uhr abends stündlich ein Zug fährt. Auf der Liste der Annehmlichkeiten stehen die folgenden Hinweise:

  • Die Züge fahren pünktlich ab, genauer: ziemlich pünktlich. Man rechnet mit einem Spielraum von fünf, sechs Minuten. Ursache dieses „halbstarren“ Fahrplanes: Fernzüge sollen nicht behindert werden.
  • Der Fahrplan prägt sich leicht ein, weil die Minutenangabe bei wechselnder Stundenzahl bleibt. Ein Burgdorfer weiß, daß er, wenn er etwa „vierzig“ am Bahnhof ist, immer einen Zug nach Hannover erwischt: 10.40, 11.40, 12.40 Uhr und so weiter. Ein übersichtlicher Faltfahrplan gibt detailliert und übersichtlich Auskunft über Entfernungen und Preise zu allen Haltestellen der Strecke.
  • Die Züge fahren schnell. Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 120 ergibt sich – Aufenthaltszeit eingerechnet – eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 55 Kilometern je Stunde. Sie soll allmählich auf 60 gesteigert werden. Von Burgdorf nach Hannover fährt der Zug eine halbe Stunde – mit dem Auto wird man die 26 Kilometer lange Strecke kaum schneller zurücklegen können.
  • Die Züge sind bequem. Erstens werden nur Wagen verwendet, deren Sitze mit Kopfstützen ausgestattet sind, zweitens wird verbürgt, daß jeder einen Sitzplatz bekommt, selbst in der Zeit des Berufsverkehrs (wo auch Fernzüge und zusätzliche Vorortzüge fahren). Sollten die bisher üblichen fünf Wagen eines Zuges nicht genügen, kann der Zug sofort bis auf zehn Wagen verlängert werden.
  • An den Schaltern soll es keine Schlangen geben. Deshalb hat die Bahn begonnen, Automaten aufzustellen.
  • Die Autofahrer sollen an ihren Bahnhöfen Parkplätze vorfinden, frei nach dem System „park and ride“ (oder, wenn die Frau den Gatten dorthin chauffiert: „kiss and ride“). Um die Gemeinden zu ermuntern, stellt notfalls die Bundesbahn eigenes Gelände zur Verfügung.

Wenn sich trotz alledem ein oder einige Zugpaare als unrentabel erweisen sollten, weil sie nur wenig benutzt werden, kommt der Großraumverband für die Differenz auf. Abteilungspräsident Rückel bemerkt dazu: „Nahverkehr ist meist ein Verlustgeschäft, manchmal geht die Rechnung plus-minus Null aus – und eben das wünschen wir uns. Wir wollen nicht verdienen.“ Die Bahn ist andererseits bereit, neue Haltestellen an der Strecke einzurichten, wenn neue Ansiedlungen danach verlangen.