Zwi Rudy: Soziologie des jüdischen Volkes, rowohlts deutsche enzyklopädie, Rowohlt Verlag, Reinbek; 236 Seiten, 3,80 DM.

Es ist leider nichts Neues, daß sich eine verworrene Theorie mit dem Wort „Soziologie“ einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit verleihen will. Wenn es jedoch in einer leicht zugänglichen, angesehenen Reihe vorgelegt wird, so ist dem Verlag für sein ehrgeiziges Enzyklopädie-Programm wieder einmal ein diesmal überdurchschnittlicher Fehlgriff unterlaufen: an solches Buch kann in beträchtlichem Umfang zum Unfugstifter werden.

Das einleitende Kapitel über den „Vermehrungsgrad der jüdischen Bevölkerung“ ersetzt wohl kaum einen notwendigen historischer. Abriß, der erst Licht auf diese demographischen Phänomene werfen könnte. Aber dazu fehlt auch die Einbeziehung solcher Werke wie die von Alt, Schoeps, Wellhausen, Stadtmüller. Nicht einmal Finkelstein wird eingearbeitet. Dafür steht sein Name im Literaturverzeichnis, das bescheidenerweise trotz über zwei Seiten Länge keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Die große Gefahr des Buches liegt jedoch in dem mehr oder weniger explizit biologistischen – und somit potentiell rassistischen – Ansatz von Rudy: er betont den im allgemeinen sehr starken Vermehrungsgrad der jüdischen Bevölkerung – und liefer: eine Rationalisierung für Antisemiten: „Wir werden demographisch verschluckt, wenn...“; an einer anderen Stelle erst erwähnt der Autor, daß die jüdische Bevölkerung vermutlich nicht schneller wuchs als die europäische Bevölkerung insgesamt.

„Auch darf die biologische Entartung nicht unerwähnt bleiben, die seit dem Ende des XIX. Jahrhunderts bis in die dreißiger Jahre des X. Jahrhunderts unter der west- und mitteleuropäischen Judenheit stark aufräumte“, „Mischehen (von Juden und Russen) in der Sowjetunion, deren Anzahl epidemische Ausrraße erreichte“ – wir sehen schon, wie gewisse rechtsextreme Blätter diese Sätze mit Unterstreichung von „biologische Entartung“ „Mischehe“ und „aufräumte“ unter der Schlagzeile „Ein Israeli spricht die Wahrheit“ wiederholen werden.

Im Kapitel über die „Wanderungen der Juden“ argumentiert Zwi Rudy zuerst, daß die Wandelungen der Juden keine Parallelen hätten (obwohl er auch hier dunkel von Auslesevorgängen murmelt). Der Wissenschaftlichkeit halber hält sich der Autor jedoch an die Definition von Oppenheimer: „Die Menschen strömen vom Orte des höheren sozialen und wirtschaftlichen Druckes zum Orte des geringeren sozialen und wirtschaftlichen Druckes auf der Linie des geringsten Widerstandes“; das macht es aber kaum möglich, die Wanderungen der Juden prinzipiell (sondern nur graduell) von denen anderer Populationen zu unterscheiden. Es kann den Leser nur verwirren, wenn Rudy zuerst (individualpathologisch?) feststellt, daß es einen biologischen Wandertrieb gibt – um dann zu betonen, daß das Wandern von Ort zu Ort gerade nicht zum Wesen des Juden gehört. Manch einer mag sich an die Zweckhypothese des jüdischen Wandertriebes halten, da diese offenbar doch wissenschaftlich denkbar wäre, obwohl auch zu diesem Punkt der Autor an einer anderen Stelle schreibt, es gebe keine Wandervölker. Rudy spricht wiederholt vom „biologischen Daseinstrieb des jüdischen Volkes“; sofern es einen Daseinstrieb gibt, ist er keineswegs ein spezifisch jüdisches Phänomen – seine Betonung kann nur Vorurteile schaffen.

„Juden und das Wirtschaftsleben“ bringt eine unglückliche Argumentation: Rudy stützt sich auf Zitate aus Bibel und Talmud, um zu beweisen, daß die Juden eigentlich Bauern und Handwerker und nicht Kapitalisten sind – ein seltsames Argument, daß sich nur aus dem biologistischen Ansatz verstehen läßt. Über die heutige Zeit sagt er nichts; dabei könnte man zeigen, daß bei einem jüdischen Bevölkerungsteil von etwa 3,5 Prozent nur 0,66 Prozent der amerikanischen Bankiers Juden sind, an der Wall Street also keineswegs nur Jiddisch gesprochen wird. Umgekehrt spricht Rudy davon, daß der „soziale Status der Juden eben durch die spezifisch jüdische Wesensart“ bedingt war – eine Aussage, die leicht rassistisch mißverstanden werden kann. Rudy fördert diese Interpretation noch dadurch, daß er von Ackerbau, Handwerk, „wie überhaupt aller ehrlicher Arbeit“ spricht – mögliche Assoziationen: Juden-Kaufleute-Bankiers gleich unehrlich. Außer dem grotesken Hinweis, daß die „große Masse... außerstande ist, logisch zu denken und den kausalen Zusammenhang im Lichte sozialer Realitäten zu erfassen“, ist die Behandlung des Antisemitismus sehr dürftig, obwohl es dazu eine umfangreiche Literatur gäbe (Adorno bis Sartre). In anderen Zusammenhängen geht Rudy erst recht nicht von der Literatur aus, obwohl die Arbeit von L. Wirth über das Getto oder „Yiden un Andere Etnishe Grupes in di Faraynikte Shtatn“ von C. B. Sherman dazu beigetragen hätten, einige kleinere Fehler des Buches auszumerzen und das Buch abzurunden.