Von Marianne Regensburger

Alexander Werth: Rußland im Krieg 1941 bis 1945; Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München–Zürich; 743 S., 24,50 DM.

Es geht bei diesem Kriegsbuch nicht um „verlorene Siege“ und nicht darum, was alles hätte erreicht werden können, wenn der militärische Ignorant Hitler die großartigen Pläne seiner Generale nicht ständig mit unsinnigen Befehlen durchkreuzt hätte. Es geht überhaupt nicht um die deutsche Sicht des Krieges, sondern um die russische. Das nimmt man Alexander Werth übel. Beanstandet wird vor allem, daß er schwarz-weiß malt, wo man doch bei der politisch-ideologischen Konstellation der vergangenen siebzehn Jahre mit Weiß-Schwarz-Malerei so gut gefahren ist. Beanstandet wird weiter, daß der Autor dort, wo er auf andere Quellen als die eigene Erfahrung zurückgreift, dies kritiklos tue, was nur mit Einschränkung zutrifft. Beanstandet wird schließlich, daß Werth sogar sowjetische Quellen als Quellen gelten läßt. Und beanstandet wird endlich, daß er weder eine politisch-diplomatische noch eine militärische Geschichte des Krieges gegen die Sowjetunion geschrieben hat, was er gar nicht beabsichtigte.

Werth war einer der wenigen der russischen Sprache kundigen Auslandskorrespondenten, die beinahe den ganzen Krieg in der Sowjetunion verbrachten, und er ist daher wie kaum ein anderer qualifiziert, die menschlichen Aspekte dieses Krieges aus russischer Sicht zu schildern. Wenn er dabei auf seine eigenen Veröffentlichungen aus der Zeit des Krieges sowie auf Werke zurückgreift, die das politische Klima der Kriegs- und frühen Nachkriegszeit reflektieren, so mag das dem historiographischen Wert des Buches in gewissem Maße abträglich sein. Doch wird dieser Mangel ausgeglichen durch die Unmittelbarkeit der Darstellung. So ist Werths Absicht, dem Westen den Krieg aus sowjetischer Sicht zu zeigen, gelungen. Daß er dabei so manche bei uns liebevoll gepflegte Legende zerstört und so manches sorgfältig gehegte Tabu mißachtet – daß etwa demzufolge die Wehrmacht an den in Rußland und Polen begangenen Verbrechen und Greueln völlig unbeteiligt war –, sei nur am Rande erwähnt.

Werths Bericht beginnt mit der Vorgeschichte des Stalin-Hitler-Paktes. Er verschweigt nicht die Verwirrung, die dieses Ereignis bei vielen Sowjetmenschen anrichtete, und auch nicht die Rationalisierung des an sich Unverständlichen: Viele Russen schienen wenigstens vorübergehend zu glauben, die in jenem Pakt verabredete Neutralität habe sich nicht nur durch Gebietszuwachs, sondern auch durch größere Sicherheit bezahlt gemacht. Interessant ist in diesem Zusammenhang besonders der Hinweis, Molotow, der den deutschsowjetischen Pakt in der Öffentlichkeit zu vertreten, ja sogar zu preisen hatte, habe für die Sowjetunion eine ähnliche Rolle gespielt, wie Laval es für Frankreich getan hatte.

Auch verdienen Werths Ausführungen über die Diskrepanz zwischen der aggressiven sowjetischen Ideologie, deren Folgen für die von den Russen entwickelte militärische Theorie einerseits und dem Zustand der Roten Armee zu Beginn des Krieges andererseits, Aufmerksamkeit. Die Theorie besagte, daß „jeder Angriff auf die Sowjetunion mit der völligen Zerschlagung des Gegners auf seinem eigenen Territorium“ enden würde – eine Formulierung, die übrigens beinahe wörtlich bei den diesjährigen Herbstmanövern der Warschauer-Pakt-Staaten wiederkehrte. In der Praxis taugte die Ausbildung und Ausrüstung der Roten Armee im Jahre 1941 weder zum Angriff – der Winterfeldzug gegen Finnland hatte es gezeigt – noch auch nur zur Verteidigung. Die Erfolge jener ersten Kriegsmonate – die Verteidigung Moskaus und Leningrads sowie der Abtransport eines Teiles der Industrie aus den bedrohten Gebieten – beruhte – nach Werth – mehr auf Improvisationsgabe, Heimatliebe, Hartnäckigkeit und Leidensfähigkeit von Bevölkerung und Soldaten als auf irgendwelchen für lange Sicht getroffenen Vorbereitungen.

Zweifellos war Stalingrad für die Russen der sichtbare Wendepunkt des Krieges, obgleich die meisten – laut Werth – von Anfang an davon überzeugt waren, daß die Sowjetunion, daß Rußland nicht endgültig besiegt werden könne. Ebenso zweifellos hat aber dieser Sieg – gewonnen, lange ehe an die immer wieder so heftig geforderte „Zweite Front“ auch nur zu denken war – das Nachkriegsschicksal der Russen und ihrer Alliierten wie auch ihrer Kriegsgegner mitbestimmt. Stalingrad festigte – symbolträchtiger Name – die Position Stalins. Werth macht darauf aufmerksam, daß der Sieg an der Wolga die Geburtsstunde von Formulierungen wie der „militärische Genius Stalins“ und „Stalinsche Strategie“ markierte. Auch erweckte er in den Russen das nicht ganz unberechtigte Gefühl, sie hätten bis dahin die Hauptlast des Krieges getragen, das spätere Propaganda in die Behauptung ummünzte, die Alliierten hätten beim sowjetischen Sieg über den „Hitler-Faschismus“ nur zögernde Hilfestellung geleistet.