Eine literarische Lese der Nachkriegsjahre 1945-65 hielt kürzlich die Book Week- Beilage der Washington Post. 200 Autoren, Kritiker und Verleger wurden mit Fragen eingedeckt wie diesen hier: Welche Bücher haben die größte Chance, als Zeugen dieser unruhigen 20 Jahre zu überleben? Welche Schriftsteller haben während dieser Zeit die eindrucksvollsten Werke geschrieben? Und wie gut waren diese Werke?

Die Frage nach dem bemerkenswertesten und aller Wahrscheinlichkeit nach ewigkeitsbeständigen Roman erhielt eine Antwort, die selbst manche amerikanischen Literaturexperten verblüffte: "Invisible Man" von Ralph Ellison. Wie bitte? Ja, so ist es (wer das Pensum nachholen will: unter dem Titel "Unsichtbar" erschien der Roman im S. Fischer Verlag, Frankfurt).

"Invisible Man" ist, vom literar-ästhetischen Standpunkt aus gesehen, ein ziemlich mittelmäßiges Buch, voller Ausrutscher und Unebenheiten – daß es dennoch an erster Stelle genannt wurde, ehrt die amerikanischen Literaten, weil es beweist, daß sie sich nicht nur als Literaten, sondern auch als amerikanische Staatsbürger fühlen. "Invisible Man" schildert die Geschichte eines jungen Negers, der verzweifelt darum kämpft, von der Gesellschaft als Mensch angenommen zu werden, der den Haß ebenso fürchtet wie die demonstrative Zuneigung, der seine Identität als Mensch sucht, aber immer von den anderen zunächst als "Neger" registriert wird.

Ralph Ellison veröffentlichte dieses Buch 1952, zu einer Zeit also, als die Ereignisse in Little Rock, Selma oder Birmingham noch bevorstanden. Aber er hat daraus, daß er Amerikas schmerzvolles Nachkriegsthema entdeckte, kein Kapital geschlagen: "Invisible Man ist bis heute sein einziges Buch geblieben, und erst im nächsten Jahr wird er ein neues fertig haben. Ellison ist, und das ist ja vielleicht nicht ganz unwichtig, einer der wenigen Autoren, der von den Negern selbst anerkannt wird (was zum Beispiel der in Europa so gefeierte James Baldwin nicht für sich in Anspruch nehmen kann). "Einen ‚Moby Dick‘ der Rassenkrise" nannte der Literaturhistoriker F. W. Dupee Ellisons Buch, und in dieser Kombination von Literarischem und Historischem hat der erste Platz gewiß seine Berechtigung. Sieht man dann, erleichtert, an zweiter Stelle Nabokovs "Lolita stehen, so ergibt das, zusammen mit Salingers "Catcher in the Rye" (3. Platz), keine schlechte Summe dessen, was in und an amerikanischer Literatur in den letzten Jahren wichtig war. Ob zu Recht oder Unrecht, darüber mag man in 100 Jahren noch einmal entscheiden. P. K.