Anwalt für Bauern und Verbraucher – das will der neue Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Hermann Höcherl, sein. Es gelte, so meinte er, in den ersten Tagen seiner neuen Amtstätigkeit, täglich einen Kompromiß zwischen den Interessen von Erzeugern und Konsumenten herbeizuführen. Auf diese „Vermittlerrolle“ weist er auch in unserem Gespräch nach der Amtsübernahme hin. Vordringlich scheint ihm jedoch die Verteidigung der Interessen unserer Bauern im Ministerrat der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) zu sein.

Tatsächlich wird über das Schicksal der deutschen Landwirtschaft zu einem guten Teil im EWG-Ministerrat entschieden. Das hat Hermann Höcherl mit dem ihm eigenen politischen Gespür sofort erkannt, als er sich ernsthaft mit dem Gedanken vertraut machen mußte, Nachfolger von Werner Schwarz zu werden. Deshalb will er künftig, sobald er sich eingearbeitet hat, selbst an allen Verhandlungen in Brüssel teilnehmen; schon in der nächsten Woche will er Hallstein, Mansholt und von der Gröben in Brüssel aufsuchen. Möglichst bald sollen Gespräche mit seinen Amtskollegen aus den fünf Partnerländern folgen.

Am liebsten würde er gleich mit Pisani, de Gaulles Landwirtschaftsminister, sprechen. Pisani dient ihm auch als Beispiel eines Politikers, der – wie er selbst – Nichtfachmann ist und dennoch glänzende Erfolge zugunsten der Landwirtschaft erzielt hat.

Mit Feuereifer hat sich Höcherl in seine neue Tätigkeit gestürzt. Fast möchte man glauben, der Amtswechsel komme ihm nicht ungelegen. Als Innenminister hatte er einige unangenehme Aufgaben zu bewältigen. Aber was ihm als Landwirtschaftsminister bevorsteht, ist alles andere als ein Kinderspiel.

Der weiß-blaue Blumenstrauß, den ihm die CSU-Landesgruppe als Willkommensgruß in sein Arbeitszimmer stellte, erinnert daran, daß zum erstenmal ein Süddeutscher zum Bundesernährungsminister avancierte. Das könnte einen neuen Akzent in der deutschen Agrarpolitik geben.

In Bayern und Baden-Württemberg ist die Strukturverbesserung weit dringlicher als in Schleswig-Holstein, Niedersachsen oder Westfalen. Südlich des Mains gibt es weit mehr Zwergbetriebe und zersplitterten Grundbesitz als nördlich der Linie Köln–Kassel. Doch bisher war die deutsche Agrarpolitik, wie die „Grünen Berichte“ ausweisen, vorwiegend auf die Belange der nordwestdeutschen Bauern abgestimmt. Wird künftig die Strukturverbesserung eine größere Rolle spielen? Ist die besondere Sorge Höcherls um die Kleinbauern so zu verstehen?

Die Antwort fällt schwer. Die bunt schillernden Andeutungen Höcherls lassen sich nicht auf einen Nenner bringen. Er ist als Jurist der erste „Laie“ in diesem Amt an der Euskirchener Straße in Duisdorf. Seine Vorgänger, der Westfale Lübke und der Holsteiner Schwarz, waren Fachleute, die sich von Anfang an auch in Detailfragen auskannten.