Die Liquiditätsanspannung in der Wirtschaft wird von Monat zu Monat größer. Um den Kreditbedarf ihrer Kundschaft zu befriedigen, müssen die Banken ihre Reserven mobilisieren. Sie borgen sich von der Bundesbank Geld, indem sie die Wechsel ihrer Kundschaft rediskontieren lassen. Aber nach der Kürzung der sogenannten Rediskont-Kontingente am 1. Oktober sind diese Möglichkeiten eingeengt worden. Dem Verkauf von Wertpapieren werden durch die Lage an der Börse enge Grenzen gesetzt; nennenswerte Abgaben sind ohne neue Kursverluste dort nicht möglich. In dieser Situation hat nun das Kölner Bankhaus I. D. Herstatt KGaA die Ausgabe von 10 Millionen Mark 5 1/2 prozentige Kassenobligationen angekündigt und sich damit als erste deutsche Privatbank dieses mittelfristigen Papiers bedient.

Die Bundesbank-Restriktionen wirken sich bei den einzelnen Kreditinstituten unterschiedlich aus. Banken und Sparkassen mit einem Kundenkreis, der sich stark auf Arbeitnehmer stützt und die ein ausgedehntes Spargeschäft betreiben, sind in einer besseren Ausgangsposition als jene Banken, die über keine Filialen verfügen und nur mit relativ wenigen Großkunden arbeiten. Denn gerade diese Großkunden sind es jetzt, die nach Kredit verlangen. Wo es möglich war, hat man sich Geld im Ausland geborgt. Die Kreditaufnahme jenseits der Grenzen führte im September sogar zu einem kleinen Überschuß in der Zahlungsbilanz. Er ist natürlich nicht echt, zeigt aber, wo die Grenzen unserer Bundesbank-Politik liegen.

Ein Teil der mittelständischen Betriebe hat inzwischen Investitionsvorhaben zurückstellen müssen, weil keine entsprechenden Mittel dafür bereitgestellt werden konnten. Ja selbst große Unternehmen beginnen, ihre Investitionen aus Finanzgründen zu strecken. In diesem Jahr sind bislang nur zwei Industrieanleihen aufgelegt worden, von denen die zweite (Rheinische Braunkohlenwerke AG) nach den Worten von Hermann J. Abs, Sprecher der Deutschen Bank ein „glatter Reinfall“ gewesen ist.

Um Geld für die Kundschaft anzuschaffen, hat sich das Bankhaus I. D. Herstatt, dem Gerling-Konzern nahestehend, 10 Millionen Mark Kassenobligationen genehmigen lassen. Schon zu Beginn dieses Jahres war in Bankkreisen hin und wieder von der Absicht zu hören, sich über eigene Kassenobligationen flüssige Mittel zu beschaffen. Bei der Commerzbank erschien die Neigung dazu am ausgeprägtesten. Wenn aber die Kreditinstitute bisher auf die Ausgabe von Kassenobligationen verzichteten, dann geschah das ohne Zweifel mit Rücksicht auf ihre Industriekundschaft, mit denen sie sonst am Kapitalmarkt in Wettbewerb treten würde. Das dürfte auch der Grund sein, warum in Bonn bisher keine weiteren Anträge auf Genehmigung von Banken-Kassenobligationen vorliegen. Aber Gespräche darüber sind schon geführt worden, so daß mit zunehmender Liquiditätsenge noch das eine oder andere Institut mit diesen mittelfristigen Papieren an den Markt kommen wird.

Kassenobligationen, meine verehrten Leser, sind nichts für den „Normalanleger“. Wenn wir uns dennoch über diese Wertpapiergattung unterhalten, dann geschieht es, weil sie ein Stück des Kapitalmarktes bildet und indirekt natürlich auf die Gesamtsituation einwirkt. Die Ausgabe von Kassenobligationen vergrößert die Nachfrage und kann, wenn diese in größeren Mengen genehmigt werden, den Zins entsprechend beeinflussen.

Das Bankhaus Herstatt will sich mit seinen Papieren nicht an den kleinen Sparer wenden. Deshalb wird der Mindestzeichnungsbetrag auf 50 000 Mark festgesetzt. Damit wird klar, daß die Emission vor allem auf die Versicherungen „zugeschnitten“ worden ist, was bei der engen Bindung des Kölner Bankhauses zur Versicherungswirtschaft nahelag. Die „Anleihe“ von Herstatt ist daher auch „deckungsstockfähig“, ein Prädikat, das sie haben muß, wenn die Versicherungen sie zu Anlagezwecken benutzen wollen. In Köln ist man in Ausnahmefällen bereit, auch kleinere Beträge zur Zeichnung entgegenzunehmen, unter 10 000 Mark will man jedoch nicht gehen.

Sehen wir uns nun die Konditionen der Anleihe an. Sie wird – wie schon erwähnt – mit 5 1/2 Prozent verzinst, der Ausgabekurs beträgt 95 Prozent, die Laufzeit vier Jahre. Daraus ergibt sich eine laufende Rendite von 5,9 Prozent. Auf den ersten Blick ist sie gering, denn bei den neuen Anleihen liegt die Rendite bei ca. 7 1/4 Prozent. Zu berücksichtigen ist aber bei der Herstatt-Anleihe der steuerliche Effekt. Ihre Rendite liegt nämlich über acht Prozent, wenn man den steuerfreien Rückzahlungsgewinn in die Rechnung einbezieht und wenn der Besitzer dieser Papiere einem 50prozentigen Steuerabzug unterliegt