In den Ländern des Ostblocks wächst der Wunsch, einen eigenen Personenwagen zu haben. Es ist noch gar nicht so lange her, daß Nikita Chruschtschow diese „Volkslaune“ falsch auslegte: Er setzte sich dafür ein, die Mietwagen zu vermehren, nicht aber die privaten Automobile. Indessen hat sein Nachfolger Kossygin einen neuen und sehr angenehm klingenden Grundton angeschlagen; denn er versprach, daß die Massenproduktion von „verbesserten sowjetischen Autos in der kommenden Planperiode 1966 bis 1970 gefördert“ werden soll.

Die Pressekommentare in einigen Ostblockländern spiegeln die Ungeduld wider, die die Verbraucher über die langsame Entwicklung der Personenwagen-Industrie zwanzig Jahre nach dem Krieg empfinden. In jeder Hauptstadt stehen Schlangen vor den Verkaufsbüros, in denen sich die zukünftigen Autofahrer eintragen lassen und die erste Anzahlung auf „ihr Auto“ leisten. Lieferzeit: bis zu drei Jahren.

Der Druck ist am stärksten in Polen und der Tschechoslowakei. Beide Länder sind neben der Sowjetunion und der Sowjetzone die einzigen in Osteuropa, die selber Autos konstruieren und herstellen.

Zur Zeit haben die Sowjetunion, die osteuropäischen Länder und die Zone 325 Millionen Einwohner – die Zahl der privaten Personenwagen beträgt eine Million – geschätzt. Im vorigen Jahr wurden dort etwa 400 000 Autos hergestellt (das ist weniger als die Hälfte der Autos, die in den Vereinigten Staaten 1915 verkauft wurden; heute bauen die USA jährlich acht Millionen Personenwagen). Mehr als die Hälfte dieser 400 000 Autos waren entweder fürDienstzwecke oder für den Export bestimmt.

Die Tschechen, die besten Autobauer des Ostblocks, mit einer langen Tradition, verkauften 1964 von insgesamt 180 000 Wagen nur 30 000 an Privatfahrer – aber allein hier hatten sich 100 000 Menschen in die Wartelisten eintragen lassen.

In Polen geschah unlängst etwas sehr Bemerkenswertes. Seit 1957 sind von dem im eigenen Land produzierten Typ „Syrena“ erst 40 000 Stück vom Band gelaufen. Als bekanntgegeben wurde, daß mit der Einfuhr von 10 300 sowjetischen Moskwitsch-Wagen zu rechnen sei, stellten sich Hunderte von Polen Tag für Tag an und füllten Bewerbungsformulare dafür aus. 30 000 hoffen, noch in diesem Jahr Glück mit einem Auto zu haben.

Abgesehen von der Wartezeit – zweites Handicap sind die Preise. Ein „Moskwitsch“ erfordert das Durchschnittsgehalt eines Angestellten für fünf Jahre. Ein Skoda, tschechischer Inlandpreis etwa 30 000 Mark, entspricht einem Durchschnittsgehalt von zwei bis drei Jahren. Ein Russe muß ungefähr 14 000 Mark für einen Moskwitsch (bei einer Wartezeit von sieben Jahren) auf den Tisch legen. Arbeiter des Moskwitsch-Werkes können ihr Auto zwar gleich bekommen, aber auch nur zum vollen Preis. Bei einem Duichschnittsgehalt von 105 Rubeln im Monat kommt er 33 Monatsgehältern gleich.