Von Thilo v. Uslar

München

Der Graf rüstete sich. Bevor er das Haus verließ, verstaute er einen Revolver in der Aktentasche, in der sich schon der Protestbrief befand, den er an Ort und Stelle öffentlich zu verlesen gedachte. Er rechnete damit, im Theater ein „kommunistisch durchsetztes Publikum“ anzutreffen, und er rechnete mit gewalttätigen Ausschreitungen gegen seine Person. Deshalb hatte er auch vorsorglich ein Flugbillett, das auf einen der nächsten Tage lautete, verlängern lassen. Da er davon ausgehen mußte, zusammen-, geschlagen zu werden, hatte er seine Reisevorbereitungen auf die Kalkulation eines vorübergehend notwendigen Krankenhausaufenthaltes ausgedehnt. Seiner Begleiterin hatte der Graf eingeschärft, sich im Theater nicht mit ihm zu unterhalten, damit sie nicht womöglich für seine Tat mitbüßen müsse, wenn die Horde über ihn herfiel.

Diese Schilderung, so fremd sie dem Leser ankommen mag, ist nicht etwa dem unveröffentlichten Nachlaß der Hedwig Courths-Mahler entnommen; sie faßt den Bericht zusammen, den der Münchener Schriftsteller Michael Graf Soltikow von seinem Vorgehen am Donnerstag vergangener Woche gibt.

Für diesen Tag hatte die Lesebühne der „Humanistischen Union“ im Münchener „Theater an der Leopoldstraße“ die „Welturaufführung“ des Stückes „Die Verschwörer“ von Wolfgang Graetz angesetzt. Die Chance der Premiere war der Lesebühne quasi in den Schoß gefallen, nachdem die Theaterintendanten gezögert hatten, das Stück herauszubringen. Da es sich bei dem Dramenstoff um ein Thema der Zeitgeschichte handelt – um die Verschwörung des 20. Juli 1944 –, und da der Autor ein Mann ist, der aus der Haftanstalt beurlaubt wurde, um sich dem Gedeihen seiner literarischen Arbeit widmen zu können, hat das Stück durch Besprechungen und Stellungnahmen von Kritikern und Intendanten Aufsehen erregt, noch ehe es im Druck erschienen war. Der Autor, der sich über den „Kult“ um die Männer des 20. Juli erregt hatte und bei seinen Studien auf organisatorische Mängel der Verschwörung gestoßen war – auf denen er sein Opus ausschließlich aufgebaut hatte –, reizte die Kommentatoren auf mancherlei Weise.

Die einen identifizierten sich mit dem Stück, weil der Autor den Grafen in der Bendlerstraße vorwarf, sie seien nicht in der Lage gewesen, „ein Ding zu drehen“ (was Graetz als „krummes“ Ding bezeichnet), weshalb ihnen der Putsch eben mißlingen mußte.

Mancher ehrenwerte Kritiker geriet mit ehrenwerten Verteidigern aneinander, weil an dem Zuchthäusler als Autor und nicht so sehr am Stück Anstoß genommen wurde. Verständlich, daß Leute aufstanden, die es einfach nicht zu – lassen wollten, daß „ein Zuchthäusler wie Graetz“ der sein sollte, der mit den Männern des 20. Juli rechten dürfte. Zu ihnen zählt – freilich auf besondere Weise – Graf Soltikow. Und so machte sich dieser auf den Weg, als die „Ur-Lesung“ des Stückes bevorstand.