Washington, im November

Bis zur vorigen Woche hieß der Organisationsleiter des Ku-Klux-Klan in New York Daniel Burros. Er war ein junger Mann, der in der Schule wegen seiner ungewöhnlichen Intelligenzquotienten aufgefallen war und bei den Fallschirmjägern gedient hatte, der aber offenbar von labiler Geistesverfassung war und in einer Traumwelt von Verschwörungen und Rassenhaß lebte. Zeitweilig wirkte er als Sekretär der amerikanischen Nazipartei des Lincoln Rockwell und verfaßte Pamphlete, in der er die Vernichtung Israels und die Ausrottung aller Juden und Neger in Amerika zur Erhaltung der von Gott erwählten blonden, blauäugigen Rasse predigte.

Am Sonntag veröffentlichte die „New York Times“ seinen minuziös nachgezeichneten Lebenslauf, dem zu entnehmen war, daß Daniel Burros von jüdischen Eltern abstammt, der jüdischen Religion zugehörte und in einer jüdischen Schule erzogen worden war. Burros las den Bericht, sah sich bloßgestellt, griff zum Revolver und erschoß sich. Ein Fall banalen psychopathischen Sektierertums endete in einer düsteren Tragödie.

Der Fall Burros ist außergewöhnlich, für Amerika fast einmalig, aber manches daran ist nicht untypisch für die seltsame Welt des Ku-Klux-Klan. Diese vor hundert Jahren gegründete Geheimgesellschaft will die sektiererisch verspießerte Pseudomoral eines bigotten protestantisch-angelsächsischen Bevölkerungsteils als Richtschnur wahren Amerikanertums erhalten und das Land vor Negern, Juden, Katholiken und sonstiger Verderbnis sichern. Mit dem Mummenschanz seiner Kapuzen-Maskeraden, einem orientalischen Phantasie-Ritual, dem Kreuzeverbrennen, nächtlichen Ritten und dem Kauderwelsch seiner Geheimsprache versucht der Klan Schrecken einzuflößen. Das alles könnte zur Lächerlichkeit reizen, führte es nicht immer wieder zu ungesühnten Morden an Mitgliedern der Bewegung für die Gleichberechtigung der Neger.

Der Ku-Klux-Klan ist ein absoluter Anachronismus für die USA, aber seine auf zehntausend Mitglieder geschätzte Organisation dehnt sich – nach langer Vergessenheit – wieder aus und reicht heute schon wieder bis in siebzehn oder fünfzig Bundesstaaten hinein. Vor dem Kongreßausschuß zur Bekämpfung amerikafeindlicher Umtriebe, der sich bisher vornehmlich mit Linksradikalen und Kommunisten befaßte, läuft jetzt der öffentliche Teil einer monatelangen Untersuchung über die Tätigkeit des Klans. Die bisher vernommenen Klan-Mitglieder tragen auf ihrem linken Revers ein Emblem mit der Aufschrift „Niemals“, was wohl heißen soll, daß sie niemals klein beigeben wollen.

Der Chef der „Vereinigten Klans von Amerika“, Robert Shelton, ein hagerer, trübsinniger Fanatiker, hat als erster Zeuge den Ton angegeben. Er berief sich auf jene Zusätze zur Verfassung, welche die Aussageverweigerung bei einer Selbstbeschuldigung gestatten. Dies tun ihm alle anderen Klan-Mitglieder bis auf einige Abtrünnige nach, die freilich auch keine neuen Tatsachen beisteuern. Die vom Ausschuß-Assistenten Appell vorbereiteten Fragen lassen erkennen, was die Vernehmungen bezwecken: Den Klan-Angehörigen soll nachgewiesen werden, daß sie Gelder der Organisation zur persönlichen Bereicherung mißbraucht haben. Appell zaubert Bankauszüge, Steuererklärungen, gefälschte Unterschriften und Spesenbelege aus seinem Dossier. Doch das nehmen die „Großen Drachen“, die Klan-Chefs in den Bundesstaaten, gelassen hin.

Dem ganzen Klan-Spuk könnte mit einem Schlag ein Ende bereitet werden, wenn sich der Kongreß endlich dazu aufraffte und ein Gesetz verabschiedete, mit dem alle politischen Verbrechen der Aburteilung durch die Bundesgerichtsbarkeit unterstellt würden. Dann wäre es vorbei mit den Freisprüchen der Schwurgerichte für Mörder und Attentäter, die dem Ku-Klux-Klan angehören. Joachim Schwelien