Unwillkürlich fragt man sich, was wohl Gerhart Hauptmann, lebte er noch, von all den Aufregungen halten würde, die in Steinheim bei Detmold dadurch entstanden sind, daß dort sein nacktes Abbild auf- und auch wieder weggestellt wurde.

Hauptmann war Bildhauer, ehe er der große Dichter wurde. Und so ist anzunehmen, daß er ein gewisses kollegiales Verständnis für den jungen Bildhauer Willi Humpert gehabt hätte. Denn die Frage, ob eine menschliche Figur nackt oder angezogen dargestellt werden soll, ist hauptsächlich des Künstlers Sache. Es fragt sich aber, ob ihm des Bildners Werk gefallen hätte. Zwar scheint der Kopf mit der hohen Stirn und der eigenwilligen Mähne gut getroffen. Aber warum hält der nackte, muskulöse, breitbeinig dastehende Mann die linke Hand auf und blickt zu ihr herunter, als wolle er Geld zählen, das nicht vorhanden ist, während der rechte Arm eine Geste vollführt, als ob der Dichter sich im Nacken kratze?

Goethe sieht im Denkmälern immer aus, als hätte er gerade den „Faust“, Schiller, als hätte er soeben die „Glocke“ geschrieben, Beethoven, als hätte er nichts als die „Neunte“ im Kopf, und es kommt nicht so sehr darauf an, ob sie mehr oder weniger bekleide:, ja bloß mit einem toga-artigen Überwurf bedeckt sind. Aber Hauptmann, der kritisch seine leere Hand besieht? Unwillkürlich denkt man, daß da einer ins öffentliche Schwimmbad geht, ohne Hose, ohne Bademantel, ohne Taschen, ohne einen Groschen für den Bademeister. Armer Hauptmann!

Hauptmann – Dichter der Armen. Ist es etwa so gemeint?

Wohl ist es vorstellbar, daß Gerhart Hauptmann, der übrigens stets sehr gut angezogen war, in nachdenklicher Betrachtung vor seinem nackten Denkmal im Hof der Realschule von Steinheim verweilte. Er würde denn auch des Feigenblattes ansichtig geworden sein, daß der Bildhauer ihm nachträglich auf Wunsch des Steinheimer Stadtrates hatte anlöten müssen. Er hätte geschmunzelt. Aber was erst, wenn man ihm hinterher hätte berichten müssen, daß dies Blatt, vom Sturm erfaßt, vom Winde verweht, auf den Boden polterte! Die Kinder und Halbwüchsigen der Realschule, die vorher keinen Anstoß genommen hatten, wurden sehr fröhlich. Oh, wie hätte der „Schluck-Jau“-Dichter erst gelacht.

Hauptmann hatte mit Humpert nicht nur das Anfangs-H und den Anfangs-Beruf gemein, sondern auch das Schicksal, daß sie als „Propheten im eigenen Lande“ erst nichts galten, dann etwas galten und auch Anstoß erregten, höchstlich gelobt, heruntergerissen, ein bißchen Skandal auch dabei. Hauptmann, vom Kaiser Wilhelm gehaßt, brachte es dennoch zu olympischen Würden. Möge dieses dem von den Bürgern seiner Vaterstadt erst geehrten, dann geschmähten Willi Humpert auch beschieden sein!

Gerhart Hauptmann würde sich gewiß auch dafür interessieren, wie denn die Abstimmung im Stadtrat von Steinheim im einzelnen ausfiel, ehe seine Statue entfernt wurde. CDU: elf Stimmen: Weg mit dem Ding! FDP: eine Stimme: Nackter Hauptmann bleibe! Was aber sagten die zehn Stimmen der SPD? Nichts. Sie enthielten sich. Das würde den Sozialisten Hauptmann. verblüffen. Denn Schweigen war seine Stärke nicht.